INTERVIEW: „Man muss sich selbst besiegen“ – Weltklasse-Schwimmer im Kölner Stadtanzeiger

INTERVIEW: „Man muss sich selbst besiegen“ – Weltklasse-Schwimmer im Kölner Stadtanzeiger

THOMAS LURZ UW_09Weltklasse-Schwimmer Thomas Lurz spricht im Interview über das Ende seiner Karriere, seinen Start in den Beruf und die aktuelle Lage im deutschen Schwimmsport.

Herr Lurz, wann waren Sie das letzte Mal schwimmen?
Noch heute Morgen. Ich bin nach wie vor um 6 Uhr anderthalb Stunden im Schwimmbad. Außerdem mache ich zum Abtrainieren drei Mal in der Woche Krafttraining und gehe Laufen. Durch die 25 Jahre Ausdauersport ist mein Herz beispielsweise wesentlich größer. Das muss in den kommenden zwei Jahren kontrolliert kleiner werden.

Sie haben am 1. Mai ihr Karriereende bekannt gegeben. Wie kam es zu diesem Entschluss?
Schon nach den Olympischen Spielen 2012 in London wurde mir langsam klar, dass es kein großes sportliches Ziel mehr für mich gibt, zumal ich mit 33 Jahren für einen Schwimmer schon relativ alt war. Ich habe dann noch an der Weltmeisterschaft 2013 in Barcelona teilgenommen, weil ich noch die 25-Kilometer-Strecke gewinnen wollte. Das hat geklappt. 2014 bin ich bei der Europameisterschaft im eigenen Land geschwommen. Bei den nächsten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro wäre ich aber fast 37 Jahre alt. Damals kam dann der Entschluss, meine Karriere zu beenden. Es war immer klar, dass ich aufhöre, solange ich noch gut bin. Ich glaube, es ist das Schlimmste, als zwölfmaliger Weltmeister an Wettkämpfen nur noch teilzunehmen. Das entspräche nicht meinen Zielen. Nach der EM in Berlin wusste ich, dass ich mich beruflich fokussieren will. Das ist eine große Frage im Leistungssport: Was kommt danach?

Haben Sie sich im Laufe ihrer Karriere manchmal gefragt, ob Sie gerade Zeit verlieren für den Job, der nach ihrer Karriere kommt?
Absolut, das habe ich mich gefragt. Ich denke, das ist grundsätzlich bei allen olympischen Kernsportarten ein großes Thema. Es ist auch wichtig, um sich auf den Sport konzentrieren zu können. Man muss wissen, ob man abgesichert ist. Ich habe mich immer wieder gefragt, welche Optionen ich habe. Die Deutsche Sporthilfe ist in diesem Bereich rund um duale Karrieren sehr engagiert und unterstützt Sportler. Ich habe dann neben dem Sport angefangen, Vorträge zu halten. Das war wichtig, um in verschiedene Unternehmen reinzukommen, ein Netzwerk aufzubauen und um auszuprobieren, was mir Spaß macht und was nicht. Letztendlich bin ich dann 2013 bei S.Oliver, einem familiengeführten Unternehmen aus Würzburg, fest angestellt worden.

THOMAS LURZ UW_01Was nehmen Sie aus ihrer sportlichen Karriere mit in die Zukunft?
Im Leistungssport lernt man unglaublich viel. Der Sport ist das Schönste, was mir passieren konnte: Ich habe viel von der Welt gesehen, viel erlebt und viel gelernt. Zum Beispiel zu verlieren, zu kämpfen und nicht aufzugeben. Oder aber mit Erfolgen umzugehen und dass viel Ehrgeiz, Wille und zielorientiertes Training immer belohnt werden. Und natürlich Fairness. Ebenso habe ich mir ein gutes Zeitmanagement angeeignet und gelernt, mir immer wieder neue Ziele zu stecken. Ich muss jeden Tag wissen, wohin ich will. Wenn man morgens nicht weiß, warum man aufsteht, ist es manchmal besser, liegen zu bleiben und darüber nachzudenken.

Die dreimalige Schwimm-Europameisterin Silke Lippok hat mit 21 Jahren ihre Karriere beendet, weil sie, wie sie sagte „nicht mehr kämpfen will“. Stattdessen will sie sich auf ihr Studium konzentrieren. Nachvollziehbar?
Ja und nein. Wenn man zu den Besten gehören und Medaillen gewinnen will, muss man immer ein gewisses Risiko eingehen. Es gewinnt immer der, der den absoluten Willen und den größten Ehrgeiz hat. Ehrgeiz ist neben dem nötigen Talent sehr wichtig. Letztendlich muss man als Schwimmer die berufliche Zukunft im Hinterkopf haben, da Schwimmen nicht wie Fußball oder Tennis ist. Am Ende muss das dann jeder für sich entscheiden. Wobei Silke Lippok sicherlich noch jung ist. An ihrer Stelle hätte ich es nochmal versucht. Es ist aber nicht falsch, sich auf den Beruf zu konzentrieren, das kann ich gut nachvollziehen. Eigentlich ist in so einem Fall der Verband gefragt. Da muss eine Entwicklung stattfinden, damit man sich fragt: Wie kann es sein, dass eine talentierte 21-jährige Sportlerin mit dem Leistungssport aufhört und sich auf den Beruf fokussiert? So etwas ist bedenklich. Schwimmen ist neben Leichtathletik immer noch eine olympische Kernsportart. Da müsste der Verband sich fragen, wie man so jemandem entgegen kommen und helfen kann. Die Deutsche Sporthilfe ist da die einzige proaktive Organisation. Aber auch der Verband muss Möglichkeiten finden, solche Menschen zu unterstützen.

Wie könnte die Unterstützung aussehen?
Man müsste das professionell angehen. Schauen, wo der Sportler schwimmt, welche Bedürfnisse er hat und was er beruflich machen möchte. Dann müsste Kontakt mit Unternehmen aufgenommen und ein gemeinsamer Nenner gefunden werden. Ob Praktika, modifizierte Ausbildung oder Studium, muss individuell geklärt werden. Kurz: Der Verband müsste Kontakt zur Wirtschaft suchen und für den Sportler einen Plan schmieden, wie er nach der Sportkarriere in den Beruf übergehen kann, ohne dabei große Nachteile zu haben.

tl_mm_03Denken Sie, dass der Schwimmsport genügend Anerkennung bekommt?
Nein, eigentlich nicht. Der Schwimmsport hat in Deutschland nicht den Stellenwert, den er eigentlich verdient. Schwimmen ist eine der größten Breitensportarten, die es gibt: Die Menschen gehen im Urlaub im Freibad, See oder Meer schwimmen. Um an der Weltspitze zu schwimmen und Titel zu gewinnen, erfordert es aber sehr viel Training. Bevor man an den Start geht und andere besiegen will, muss man zuerst sich selbst besiegen. Ich wollte immer gewinnen. Das war die letzten zehn Jahre lang meine Taktik. Es wäre nicht schlecht, wenn der Schwimmsport mehr in der öffentlichen Wahrnehmung stehen würde.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im deutschen Schwimmsport ein?
Wir haben gute Möglichkeiten. Marco Koch oder Paul Biedermann können bei Olympischen Spielen Medaillen gewinnen. Das wird nicht leicht, da der Schwimmsport sich in den letzten Jahrzehnten wahnsinnig entwickelt hat. Aber es werden in Deutschland auch nicht massenweise Talente hervorgebracht werden wie etwa in den USA. Das funktioniert mit unserem System mit Hinblick auf Schule, Ausbildung und Studium nicht. Weltklasseleistungen sind in Deutschland nur in Einzelfällen möglich.

Woran liegt das?
Es wäre eine Mammutaufgabe über Jahrzehnte, das System zu kippen, damit man schon von klein auf Talente rekrutieren kann. Auch das Schulsystem müsste darauf abgestimmt werden. Das ist nur bedingt möglich. Genügend Talente gibt es mit Sicherheit. Für die gilt es, Lösungen zu finden. Auch da muss der Verband aktiv werden: Ein Sportler muss so versorgt werden, dass er sich auf seinen Sport konzentrieren und zugleich seiner dualen Karriere nachgehen kann.

Im Sport konnten Sie ihren Ehrgeiz durch Wettkämpfe und Titel befriedigen. Wie wollen Sie das nun im Berufsleben machen?
Grundsätzlich ist Erfolg immer der beste Motivator. So lange er da ist, läuft es einfach. Ich habe mir für meinen Beruf genau wie vorher im Sport gewisse Ziele gesetzt. Dabei profitiere ich hoffentlich von meinem Ehrgeiz. Im Beruf gibt es nur keine genauen Zeitpunkte, wie im Sport etwa die Olympischen Spiele, an denen ich meine Leistung bringen muss.

Wie geht es bei Ihnen weiter?
Ich bin im Unternehmen für das Personal im Ausland zuständig, Sportbotschafter und kümmere mich um das Gesundheitsmanagement. Nebenbei halte ich viele Vorträge zu Themen wie Motivation und Fairness. Und natürlich bin ich glücklicher Familienvater und habe einen 13 Monate alten Sohn.

Das Gespräch führten Benjamin Quiring und Torben Richter für den Kölner Stadtanzeiger