FAZ: Thomas Lurz im Interview – „Das ist schon ein bisschen wie Krieg“

FAZ: Thomas Lurz im Interview – „Das ist schon ein bisschen wie Krieg“

41333461Thomas Lurz sammelte 33 internationale Medaillen. Bei der seit 14 Jahren ersten WM ohne ihn tritt in Kasan der deutsche Schwimm-Nachwuchs in große Fußstapfen. Zuvor spricht Lurz im F.A.Z.-Interview über seine Nachfolger.

Herr Lurz, was machen Sie an diesem Montag?
Einen Moment, ich schaue in den Kalender ... Da habe ich zwei, vier, sechs Termine.

Daheim in Würzburg oder in Kasan?
In Würzburg. 

In Kasan bei der Schwimm–WM wird das Zehn-Kilometer-Rennen der Herren aufgerufen. Erstmals seit 14 Jahren steht Ihr Name nicht auf der Startliste. Sind Sie eines Morgens im April aufgewacht und hatten einfach keine Lust mehr auf die tägliche Schinderei?
Nein. Ich habe mich schon seit London damit beschäftigt. Mir war immer klar, dass ich aufhören will, wenn ich noch was kann. Ich bin nie geschwommen, um dabei zu sein, ich wollte Erster sein. Und mit 35 bin ich nunmal in einem Alter, in dem niemand mehr um Gold mitschwimmt.

41202246Mit Ihrem Rücktritt haben Sie sich auch von dem einen unerreichten Ziel verabschiedet, von olympischem Gold. Warum versuchen Sie es im kommenden Jahr in Rio de Janeiro nicht noch einmal?
Ich hab’ im Training schon länger gemerkt, dass ich immer langsamer werde. Ich konnte das im Wettkampf zwar noch durchmeine Erfahrung kompensieren, aber mein Ziel in Rio wäre Gold gewesen. Ich fahre da ja nicht nur hin, um nochmal dabei zu sein, das ist Schmarrn. Auch Kasan wäre da nur ein Zwischenstep gewesen, das muss man ganz einfach so sagen. Nach zwölf WM-Titeln ist eine Weltmeisterschaft einfach kein Anreiz mehr, da kann ich mehrere Haken hinter machen.

Bei der WM 2013 in Barcelona haben Sie Ihr Ziel erreicht, als erster Schwimmer Gold über alle vier Freiwasserdistanzen zu holen. Besonders beeindruckend war Ihr Premieren-Sieg über 25 Kilometer, die Sie mit offenen Wunden im Salzwasser beendeten. Diese Disziplin, der Ehrgeiz, der Kampfgeist - stand dieses Rennen für den Athleten Thomas Lurz, wie kein anderes?
Ja, schon. Und das ist eben auch der Grund, warum ich den Leute, die sagen: Mensch, schwimm‘ doch nochmal die WM, warum ich denen sage: Das geht nicht. Ich könnte Barcelona gar nicht toppen. Mit so einer WM wollte ich immer aufhören. Aber natürlich war die Heim-EM dann nochmal ein besonderer Anreiz.

Egal, wie schlecht es dem deutschen Schwimmen ging: die Freiwassersparte war jahrelang ein Garant für die erste Medaille - weil Deutschland Thomas Lurz hatte. Wie sehen Sie das deutsche Freiwasserschwimmen im Jahr eins nach Lurz?
Ich hoffe, dass der ein oder andere sich für Rio qualifizieren kann und vor allem, dass langfristig auch der Nachwuchs nachkommt. Wir hatten da zuletzt ja schon gute Ergebnisse. Die, die jetzt aktuell im Wasser sind, sind stark, keine Frage, aber sie sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Da darf man auch nicht erwarten, dass die jetzt noch zwölf Mal Weltmeister werden.

Der 20-jährige Rob Muffels mit Silber und die 19-jährige Finnia Wunram mit Bronze haben über fünf Kilometer am Samstag überraschend für einen glänzenden WM-Auftakt gesorgt. Wie schätzen Sie diese Leistungen ein?
Ein tolles Ergebnis und ein super Einstieg in die WM! Die beiden haben sich über zehn Kilometer nicht qualifiziert und so noch einen tollen persönlichen Abschluss für die Saison bekommen. Im Open Water zählen natürlich die zehn Kilometer mehr, deshalb sind dort auch mehr Schwimmer und vor allem die Topleute am Start. Einige haben auf die fünf verzichtet, weil die zehn Kilometer nicht als erstes geschwommen werden, vor allem bei den Männern. So eine Chance muss man nutzen, und das hat Rob. Das ist super! Sicher war er sehr enttäuscht, dass er sich nicht für die zehn Kilometer qualifiziert hat, im Schwimmen zählt natürlich Olympia, aber diese Medaille wird ihn trösten.

Was braucht denn der Nachwuchs, um vielleicht auch einmal Rekordchampion zu werden?
Du musst im Freiwasser vom Kopf her relativ hart sein. Nur weil mal 30, 40 Leute über dich rüberschwimmen, darfst du noch lange nicht aufgeben. Nie. Das ist schon ein bisschen wie Krieg. Du darfst keine Schwäche zeigen. Du musst davon überzeugt sein, dass du es schaffst, dass du stärker bist als alle anderen. Der Wille zum ersten Platz muss da sein. Entweder stirbt er oder du stirbst. Das ist ganz wichtig: Absoluter Wille im Training wie im Wettkampf.

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Die Zehn-Kilometer-Rennen sind für Angela Maurer, Isabelle Härle, Christian Reichert und Andreas Waschburger gleichzeitig die Qualifikation für Olympia. Wen sehen Sie in Rio?
Ich rechne allen die gleichen Chancen aus. Es wird sicherlich eng, alle vier wäre der Wahnsinn, da gab es aber noch nie eine Nation, die es geschafft hat, vier Leute für Olympia zu qualifizieren.

Ihre Teamkollegen beklagen auch den Rücktritt eines Ratgebers, eines Vorbilds. Klingelt gerade ständig das Telefon bei Ihnen?
Nein. Ein paar Emails habe ich schon bekommen, das ist auch völlig ok. Ich habe immer versucht, dem Nachwuchs etwas zu geben. Isabelle habe ich damals ja regelrecht überredet, vom Becken ins Freiwasser zu wechseln, wenn sie sich jetzt für Olympia qualifiziert, würde ich mich riesig freuen.

Sie haben immer betont, Schwimmen würde Ihnen keinen Spaß machen, es sei das Gewinnen, das Sie antreibt. Was ersetzt denn nun diese Adrenalinschübe?
Das ist definitiv was ganz anderes jetzt. Man muss sich neue Ziele setzen, um das zu kompensieren, was der Leistungssport einem geboten hat. Ich habe immer von meinem Ehrgeiz gelebt, ich brauche immer eine Herausforderung.

Was sind das für neue Ziele?
Ich bin geschwommen, um Weltmeister zu werden. Also sehe ich mich irgendwann auch als Führungskraft mit einer gewissen Verantwortung. Nach oben ist alles offen.

Der Sport hat schon viele Comeback-Versuche gesehen. Kann Erfolg süchtig machen?
Absolut. Und das sollte bei mir nie der Fall sein. Mir war ganz wichtig, dass es mir nicht so geht. Darum muss man sich schon früh Gedanken machen, wie es weitergehen soll. Es gibt schließlich genug andere Dinge. Leute wie Michael Ilgner oder Michael Groß finde ich da sehr vorbildlich ...

... Der ehemalige Wasserball-Nationalspieler und heutige Sporthilfe-Chef sowie der dreifache Schwimm-Olympiasieger und Unternehmensberater ...
... Richtig. Ich wollte auch nie jemand sein, der nur Sport kann. Und wenn du beruflich erfolgreich sein willst, dann musst du einfach vor Ort sein, musst zeigen, was du kannst. Und das mit dem Leistungssport zu kombinieren, das geht nur einen gewissen Zeitraum. Es geht immer nur eins 100 Prozent.

Refernt_LurzWürden Sie denn auch dem Schwimmsport zur Verfügung stehen?
Ich würde gerne meine Erfahrungen weitergeben. Es ist jetzt nicht so, dass ich nicht genug zu tun habe, aber es wäre doch schade, wenn der Verband keinen Nutzen aus Sportlern ziehen würde, die 20 Jahre dabei waren. Ich finde das Thema duale Karriere enorm wichtig, da würde ich gerne unterstützen, damit die jungen Leute keine Angst haben, wenn irgendwann das Sportlerleben vorbei ist. Denn machen wir uns nichts vor: Du bist chancenlos, wenn du dir nichts aufgebaut hast. Das ist nicht zu unterschätzen.

Was vermissen Sie am Leistungssport am meisten?
Hmmm. Aktuell geht’s noch.

Und was genießen Sie am meisten?
Mal Samstagnachmittag frei zu haben, um mit dem Kleinen Zeit zu verbringen.

Ihr Sohn Felix ist jetzt 15 Monate alt, kann er denn schon schwimmen?
Klar. Der hat schon zwei Kurse hinter sich. In ein paar Jahren muss er ran, da kommt er nicht drum rum.

Haben Sie sich denn schon mit dem Gedanken beschäftigt, wie es sein wird, nur noch zuzuschauen?
Ach, ich habe nicht das Gefühl, irgendwas zu verpassen. Ich trauere dem nicht hinterher.

Ist denn in Ihrem Terminkalender überhaupt noch Platz, um die Rennen zu verfolgen?
Klar. Sowieso. Das ist doch logisch. Es wäre ja auch schlimm, wenn nicht.

Quelle: FAZ vom 27.07.2015, von SABRINA KNOLL