INTERVIEW: "Der Sport muss attraktiver werden" – Interview mit Thomas Lurz

INTERVIEW: "Der Sport muss attraktiver werden" – Interview mit Thomas Lurz

THOMAS LURZ_07Thomas Lurz (36) vom SV 05 Würzburg war der beste Freiwasserschwimmer der Welt, gewann zwölf Weltmeistertitel und zwei olympische Medaillen. Im Mai 2015 gab er seinen Rücktritt vom Leistungssport bekannt. Er arbeitet beim Modekonzern s.Oliver in der Personalabteilung, gibt Vorträge bei Unternehmen und absolviert ein Management-Studium in Düsseldorf. Im Interview spricht Thomas Lurz über die Krise der olympischen Sportarten, die Sportstadt Würzburg und seine Vorsätze fürs neue Jahr.

Frage: Herr Lurz, seit Neujahr sind Sie amtierender Präsident des über 3000 Mitglieder starken SV 05 Würzburg. Welche Ziele haben Sie?
Thomas Lurz: Klar, ohne Ziele geht es auch im Ehrenamt nicht. Wir sind ein Traditionsverein mit großartigen Sportmöglichkeiten, es darf nicht mehr sein, dass wir Mitglieder verlieren. Diesen Trend müssen wir Stück für Stück umkehren, müssen attraktiver werden für Kinder und Familien, wir haben da einiges vor. Dazu wollen wir Unternehmen unser Schwimmsportzentrum näherbringen, ihnen Möglichkeiten aufzeigen, wie sie zusammen mit uns etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun können. Ich freue mich wirklich auf die neue Aufgabe.

Würzburg hat sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Sportstadt gemacht, erkennen Sie auch einen Höhenflug?
Lurz: Ja, sportlich steht die Stadt so gut da wie selten zuvor in ihrer Geschichte: Die Baskets liefern in der Basketball-Bundesliga eine super Vorstellung, die Rimparer Wölfe haben sich in der Zweiten Handball-Bundesliga etabliert und die Würzburger Kickers sind dabei, im Profifußball Fuß zu fassen. Das ist toll für die Region. Wir sollten aber den SV 05 nicht vergessen: Mit Leonie Beck, Sören Meißner, Ruwen Straub und vielleicht auch Alina Jungklaus haben wir vier sehr aussichtsreiche Kandidaten für die Olympischen Spiele in Rio. Wann gab es das zuletzt?

Was mit den Entwicklungen nicht einhergeht sind die Sportstätten, es fehlen eine moderne Halle und ein Stadion.
Lurz: Ein ganz wichtiger Punkt. Eine Multifunktionshalle wäre extrem wichtig für die Region Mainfranken. Wirtschaft, Sport, Kultur – alle würden davon profitieren und deshalb sollten auch alle eng zusammenarbeiten. Genauso erwarte ich Hilfe von der Stadt, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern vor allem auch in ideeller – in Form einer klaren Positionierung für den Sport. Das ist mir oft zu verhalten.

Wie fühlt es sich an, nicht mehr als Leistungssportler in ein Olympia-Jahr zu starten?
Lurz: Ich bin dankbar für die Zeit als Leistungssportler, aber ich bin ohne Wehmut. Ich wusste am Beginn meiner Karriere, dass sie irgendwann zu Ende sein wird. Es war richtig, aufzuhören. Ich habe mich in diesem Dreivierteljahr enorm weiterentwickelt und es gibt 1000 Möglichkeiten, in die ich meine Energie stecken kann. Es ist nicht leicht, mit etwas aufzuhören, in dem man der Beste der Welt war. Aber solche Entscheidungen gehören dazu, um sich weiterzuentwickeln.

Sie waren dreimal Olympiateilnehmer. Warum tut sich Deutschland so schwer mit einer Bewerbung für dieses einzigartige Sportfest?
Lurz: Natürlich war ich enttäuscht, als die Hamburger der Bewerbung für die Spiele 2024 eine Abfuhr erteilt haben. Über die Gründe kann ich auch nur spekulieren. Fakt ist, dass sich die Spitzensportverbände fragen müssen, warum der olympische Sport nicht mehr wie früher in der Gesellschaft verankert ist. Es wird die Hauptaufgabe des DOSB sein, Sport wieder attraktiver zu machen. Biathlon, Skispringen, Triathlon, das sind gute Beispiele für eine positive und professionelle Vermarktung, wie sie mir in weiten Teilen des Sports fehlt.
Vor allem Triathlon hat eine interessante Entwicklung genommen. Jedes Dorf richtet heute einen Jedermann-Wettbewerb aus. Triathlon ist der neue Marathon, viele wollen diese Herausforderung schaffen.

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Kritik an den Verbänden, nicht am Sport selbst?
Lurz: Die Menschen treiben ja Sport, sie sind gesundheitsbewusst, aber wir müssen sie wieder für Veranstaltungen begeistern. Wir müssen die Wettkämpfe attraktiv machen und dorthin gehen, wo die Menschen sind, weggehen aus der Einöde. Ich muss immer noch den Kopf schütteln darüber, dass wir bei der Heim-EM in Berlin irgendwo vor den Toren der Stadt schwimmen mussten, wo uns ein paar Wölfe zugeschaut haben und sonst niemand. Das war ein Desaster. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe zeigt doch, was mit professionellem Engagement möglich ist. Sie ist erfolgreich wie nie, nahezu alle großen deutschen Unternehmen bringen sich dort in erheblichem Maße finanziell ein. Die Arbeit dort ist beispielhaft für die Verbände.

War das Hamburger Votum nicht auch eine Folge des Gebarens der internationalen Sportverbände, bei denen 2015 eine Reihe von Korruptionsfällen publik wurden?
Lurz: Sicher hat das eine Rolle gespielt. Wobei wir in Deutschland immer von einer sehr hohen Warte herunterdiskutieren: Olympia ist eine globale Veranstaltung und auf der Welt herrschen eben verschiedene Kulturen und Strukturen.

Aber es gibt eine olympische Charta, der sich alle Teilnehmer verpflichten . . .
Lurz: Das ist richtig. Was ich sagen will, ist: Warum sollten etwa Russland oder China keine Olympischen Spiele ausrichten dürfen? Wir machen es uns da manchmal zu leicht mit der Kritik.

Für Deutschland war es nicht die erste Bewerbung, die schiefging: Auch Berlin, Leipzig und München scheiterten in den vergangenen 20 Jahren. Wann werden hier wieder einmal Olympische Spiele ausgerichtet?
Lurz: Die Chance ist langfristig vertan. Olympia in Hamburg hätte dem Land in Sachen Sport einen riesengroßen Aufschwung verschafft. Vielleicht wurde es verpasst, der Bevölkerung die Chancen von Olympia besser nahezubringen.

Was sind die Konsequenzen für den Leistungssport?
Lurz: Die sind doch absehbar: Er wird weiter an Bedeutung verlieren. Es ist doch ein Wahnsinn, wenn ein Olympiasieger oder ein Weltmeister nicht von seinem Sport leben kann. Wir müssen in Deutschland eine Struktur schaffen, die das möglich macht. Und dabei rede ich von leben, nicht von reich werden. Wenn Sportler wie der Volleyballer des Jahres, Lukas Kampa, sagen, dass sie sich mit dem Leistungssport für das Berufsleben selbst ein Bein stellen, ist das bezeichnend. Sportverbände dürfen nicht nur verlangen, sondern müssen proaktiv handeln, sich verändern, hinterfragen. Sie müssen den Breitensport wertschätzen und einbinden. Ich finde die Argumentation langweilig, immer nur zu sagen, die Wettbewerbe sind nicht attraktiv fürs Fernsehen oder Zuschauer. Dann muss ich sie halt attraktiv machen. Was ist denn an einem Ironman-Triathlon spannender als an einem Zehn-Kilometer-Schwimmen oder einem Ringkampf?

Kampa kritisiert auch die fehlende Wertschätzung. Sehen Sie das auch so?
Lurz: Er liegt da nicht komplett falsch. Ich musste erst mit dem Sport aufhören, damit ich jüngst bei der 'Sportler des Jahres'-Wahl mal auf die Bühne durfte. Der Sparkassen-Preis als Vorbild im Sport ist toll und die Dotierung mit 40 000 Euro zeigt auch, dass man die Leistung schätzt. Das ist eine Ehre, aber gleichzeitig auch effektiv, weil man mit dem Geld, das zur Hälfte zweckgebunden für soziale Zwecke ist, etwas bewirken kann. Ich freue mich über jede Ehrung und schätze sie, aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass die Feier selbst wichtiger ist als der Anlass.

Wie bewerten Sie die Wertschätzung des Sports in den Medien?
Lurz: Medien sind für die öffentliche Wahrnehmung der Sportler entscheidend. Ich kann nicht nachvollziehen, dass unterklassiger Fußball mehr Sendezeit bekommt als Wettkämpfe von manchen Olympiasiegern. Ich schaue selbst gerne Fußball, aber was unterhalb der Bundesliga gezeigt wird, ist keine Weltklasse. Und dann haben wir in Deutschland einen Ringer namens Frank Stäbler, der 2015 Weltmeister wird und keiner kennt ihn. Ich finde, vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender hätten die Verpflichtung, weniger Fußball und mehr andere olympische Sportarten zu übertragen.

Fußball ist Kulturgut in Deutschland und die Einschaltquoten zeigen, dass ein Drittligaspiel mehr interessiert als ein Spitzenspiel der Basketball-Bundesliga.
Lurz: Ich bleibe dabei. Es geht auch um Relevanz. Bei ARD und ZDF sollte der Sport nicht identisch sein mit Fußball, garniert mit Biathlon, Skispringen und Skifahren im Winter.

Befürworten Sie das deutsche Anti-Doping-Gesetz, das Ende 2015 vom Bundestag verabschiedet wurde?
Lurz: Jein. Das Gesetz ist wichtig und grundsätzlich richtig, aber mir fehlt die internationale Gleichbehandlung. Es gelten weltweit andere Standards. In Deutschland erkenne ich derzeit kein Doping-Problem, aber es wird so viel getestet wie nirgendwo sonst.

Vielleicht hängt das zusammen?
Lurz: Das mag sein. Dann müssen die Standards im Ausland unseren angepasst werden. Wie kann es sein, dass die Dopingpraxis in der russischen Leichtathletik so derart verbreitet war, wie es 2015 bekannt wurde? Das hat mich schockiert. Ich hatte seit meinem Rücktritt im Mai sechs unangemeldete Kontrollen. So viele wie mancher aktive Spitzenathlet im Ausland nicht.

Mit welchen Vorsätzen gehen Sie ins neue Jahr 2016?
Lurz: Ich bin nicht so der Gute-Vorsätze-Typ. Generell gilt bei mir, auf die Gesundheit zu achten. Auch nach meinem Rücktritt vergeht in der Regel kein Tag, an dem ich keinen Sport treibe.

Quelle: MAINPOST – Autor: Achim Muth