PRESSE: Vom Sport fürs Leben lernen – Michael Groß & Thomas Lurz

PRESSE: Vom Sport fürs Leben lernen – Michael Groß & Thomas Lurz

Michael Groß & Thomas Lurz in WürzburgMichael Groß & Thomas Lurz: Der eine war in den achtziger Jahren das deutsche Schwimm-Idol, der andere ist Rekord-Weltmeister im Freiwasserschwimmen. Beide waren neugierig auf den anderen – bei einem Treffen sprachen sie über Olympia, den Beruf und das Schicksal.

Albatros trifft Zugvogel. Hier Michael Groß, das deutsche Schwimm-Idol der achtziger Jahre aus Frankfurt, dreimaliger Olympiasieger, viermal „Sportler des Jahres“, dort Thomas Lurz, weltbester Freiwasserschwimmer aus Würzburg, zwölfmal Weltmeister, dreimaliger Weltcup-Gesamtsieger. Die Neugier hat sie zusammengeführt – und eine E-Mail: „Für mich war Michael Groß schon immer ein Vorbild“, sagt Lurz, „und jetzt hat mich interessiert, wie er den Sprung aus dem Sport in seine erfolgreiche berufliche Laufbahn geschafft hat. Mein Impuls ist, von ihm zu lernen.“ Deshalb schrieb er Groß an – und bekam prompt eine Einladung nach Frankfurt. Vor wenigen Tagen erfolgte der Gegenbesuch, in einem kleinen Café im Gewerbegebiet von Rottendorf (Lkr. Würzburg) unterhielten sich die beiden über die Themen der Zeit.

Michael Groß ist schlank, drahtig. Noch immer. Kantig ist das Gesicht. Dass er im Sommer 50 wird, macht ihm nichts aus. Sagt er. „Die 50-Jährigen von heute sind doch anders als die von vor 30 Jahren, wesentlich aktiver.“ Anfang des Jahres erst war er wieder Snowboarden im französischen Méribel, just in dem Gebiet, in dem Michael Schumacher beim Skifahren verunglückte. Natürlich berühre ihn der Unfall, mehrmals sei er an der Stelle vorbeigefahren, die er als leicht einstuft. Schicksal sei der Unfall gewesen: „Das Lebensrisiko eben, das jeder von uns trägt. Leute rutschen in der Badewanne aus und brechen sich das Genick.“ Manches passiere eben – und da spiele es keine Rolle, ob einer Formel-1-Weltmeister, Schwimm-Olympiasieger oder Redakteur sei.

Für Thomas Lurz ist das Treffen mit Groß eine Gelegenheit, um über den Tellerrand zu blicken. „Als Sportler lernst du viele Fähigkeiten, aber nur weil ich zwölfmal Weltmeister bin, bin ich nicht der Größte in allen Lebensbereichen.“ Michael Groß hat den Übergang aus dem Schwimmbecken heraus in den Beruf geschafft. Er studierte Germanistik, politische Wissenschaften und Medienwissenschaften, promovierte, machte sich als Berater selbstständig. Seit 2012 steht er der Firma „Groß & Cie“ vor, auf seiner Visitenkarte steht darunter: Change. Coaching. Consulting. Es sind die Schlagworte, die ihm wichtig sind: Veränderung. Training. Beratung. Exakt die Themen, die auch Thomas Lurz beschäftigen. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Auf der Erfolgswelle schwimmen“, und mit seinen Vorträgen kommt er bei Firmen gut an. „Leistungssportler haben die Erfahrung von Höhen und Tiefen. Sie wissen, dass Stillstand Rückschritt bedeutet und dass ein Erfolg von heute auf dem basiert, was ich in der Vergangenheit getan habe“, sagt Michael Groß und schließt daraus: Weiterentwicklung sei genauso elementar wie keine Scheu vor Veränderung zu haben. „Die Kunst für Leistungssportler ist es, ihr Wissen auf die normale Gesellschaft zu transformieren, eine Augenhöhe zu schaffen und den Menschen zu helfen, damit sie die Hemmnisse des Lebens selbst aus dem Weg räumen können.“

An Thomas Lurz schätzt Groß dessen Zielstrebigkeit über viele Jahre. An dem Würzburger, der jährlich bis zu 3300 Trainingskilometer schwimmt, erklärt Groß auch die aktuelle Malaise des deutschen Schwimmsports, „in dem es seit der Wiedervereinigung bergab geht, weil die Breite fehlt“. Schuld daran sei nicht nur die veränderte Welt mit ihren vielfältigen Freizeitmöglichkeiten, „es wird auch zu wenig trainiert“, so Groß. „Es ist lächerlich, wenn einer nur 120 Kilometer im Monat schwimmt, das funktioniert international nicht.“ Daneben tue der Verband nichts, um die Faszination des Schwimmsports wiederzubeleben: „Dazu müssten die nationalen Wettbewerbe aufgewertet werden.“

Die Förderung im Spitzensport durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe indes habe zwar unter der Führung von Michael Ilgner einen Wechsel zu modernen Strukturen hinbekommen: „Dennoch ist es immer noch so, dass hierzulande fast 4000 Sportler mit einem Jahresetat gefördert werden, der zwei Spielergehältern des FC Bayern München entspricht. Das zeigt mal das Verhältnis auf“, sagt Groß. Auch wenn der dreimalige Olympiasieger nur noch selten zu Gast bei Schwimmwettbewerben ist, so ist er doch aufmerksamer Beobachter der Entwicklung im Weltsport. Groß spürt, wie der Sport an gesellschaftlicher Bedeutung verliert, und er setzt Hoffnung in den neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach. „Er kennt die Probleme, und er hat sein persönliches Lebensziel erreicht. Er könnte jetzt befreit sein und Akzente setzen. Er ist sicher kein Revolutionär, aber er könnte im Interesse der Sportler und von Olympia dafür sorgen, dass sich wieder mehr auf den Kern besonnen und der Auswahlprozess für die Vergabe der Spiele transparenter wird.“ Die Menschen würden keinen Gigantismus mehr wollen und nichts Unkontrollierbares.

Thomas Lurz sieht das ähnlich, bewertet die Diskussion um die in Kürze beginnenden Winterspiele in Sotschi aber durchaus differenziert. „Olympia gehört der Welt, und es ist schwierig, einen Weg für alle zu finden. Es ist eben auch problematisch, unsere westliche Werteordnung auf jeden Flecken übertragen zu wollen“, sagt er. Es gebe Beispiele wie etwa Peking 2008, wo erst durch Olympia das Interesse der Öffentlichkeit auf die Menschenrechte in China und Tibet gelenkt worden seien. „Manchmal ist schon etwas gewonnen, wenn darüber geredet wird.“

Ob er selbst das Abenteuer Olympia 2016 in Rio angehen wird, weiß Thomas Lurz noch immer nicht. Einen wirklichen Rat hat auch sein neuer Freund nicht: „Das muss er selbst entscheiden“, so Michael Groß. Er müsse in sich hineinhören. Er selbst hat 1991 einfach aufgehört, eineinhalb Jahre vor Olympia in Barcelona. „Aber nicht, weil ich sportlich alles erreicht hatte, das hatte ich schon sieben Jahre davor. Ich hatte einfach alles erlebt. Für mich gab es keine Spannung mehr.“

Quelle: MAINPOST / 22. Januar – Redakteur: Achim Muth