INTERVIEW: FRANKEN MANAGER sprach mit Thomas Lurz – Durchbeißen und kämpfen

INTERVIEW: FRANKEN MANAGER sprach mit Thomas Lurz – Durchbeißen und kämpfen

THOMAS LURZ_07FM: Herr Lurz, sie waren heute früh schon schwimmen, wann stehen Sie morgens eigentlich auf?
Lurz: Immer um 6:23 Uhr, das ist auf die Minute genau ausgerechnet, wie lange ich brauche, um zu meinem Frühtraining zu kommen. Und um 7 Uhr springe ich dann ins Wasser.

FM: Auf nüchternen Magen?
Lurz: Seit 25 Jahren esse ich immer vor dem Schwimmen eine Milchschnitte und trinke Kakao. Nach dem Training frühstücke ich richtig.

FM: Wie viele Stunden pro Tag sind Sie im Wasser?
Lurz: Zwischen vier und fünfeinhalb Stunden, das hängt immer etwas davon ab, in welcher Trainingsphase man sich befindet. Es kommen in der Woche noch sieben Trockentrainingseinheiten hinzu, wie Krafttraining, Fahrrad-ergometer, Biobank, Dehnung-Gymnastik… Alles im Adami-Bad bei uns, weil wir da auch ein vereinseigenes Fitness-Center angegliedert haben, was natürlich super Trainingsbedingungen sind.

FM: Nervt das ganze Wasser nicht irgendwann, kann man es an manchen Tagen nicht sehen?
Lurz: Oft. Ich sage immer, grundsätzlich macht es Spaß, auf etwas hinzuarbeiten, ein Ziel zu haben. Aber das Training ist natürlich ganz hart und anstrengend und macht nicht immer Spaß, da würde ich lügen. Da muss man sich eben durchbeißen und kämpfen. Nicht jedes Training macht Freude, aber im Wettkampf gewinnen macht halt Spaß.

FM: Sie werden von ihrem Bruder Stefan trainiert. Bei aller Bruderliebe, ist das nicht manchmal auch schwierig?
Lurz: Ich hatte mit ihm schon immer ein sehr, sehr gutes Geschwisterverhältnis, durch ihn bin ich damals eigentlich zum Schwimmen gekommen. Ich brauche zum Glück niemanden, der mich antreibt. Mein Bruder hat eher die Funktion, mich auch mal ein bisschen zu bremsen, neben Trainingsplanung und solchen Geschichten, die jeder Trainer macht. Wir kennen uns so gut. Er weiß genau, wie ich schwimme, mit welcher Frequenz, wie ich mich fühle, wann es zuviel ist. Aber natürlich kommt es auch mal vor, dass es kracht, im Training sind Emotionen dabei. Aber das hält sich in Grenzen.

FM: Neid gibt es also auch nicht? Sie sind der erfolgreichere Schwimmer...
Lurz: Er war sogar anfangs eigentlich der talentiertere Schwimmer im Jugendbereich, er war auch viel erfolgreicher als ich in der Jugend. Aber er hat schon immer das Talent gehabt und den Spaß als Trainer. Er konnte schon alle Weltrekorde auswendig, als er klein war, in allen Sportdisziplinen. Aber Neid gab es eigentlich nie – im Gegenteil. Ich glaub‘ sogar fast, als wir beide noch geschwommen sind, dass man dem anderen den Erfolg fast mehr gegönnt hat, als sich selber.

FM: Liegt der Sport bei Ihnen in der Familie?
Lurz: Die größten Förderer am Anfang einer sportlichen Karriere sind immer die Eltern. Das fängt schon an mit dem zum Training fahren, Trainingslager, Wettkämpfe, Betreuung etc. Da haben mich meine Eltern schon immer bestens unterstützt und waren auch da ein Vorbild, weil es immer sehr sportlich daheim zuging. Sport ist generell, unabhängig vom Leistungssport, auch in Zukunft sehr wichtig, weil die Gesundheit das A und O ist und so eine gewisse Vitalität ist schon nicht verkehrt, um einfach „gesund zu altern.“ Natürlich muss man dann aber auch die Spanne hinbekommen zwischen Leistungssport, das ist ganz etwas anderes, und dem Breitensport, der gesund ist.

WM2013 Thomas Lurz by Benjamin Lau 1

FM: Apropos Alter, Sie sind ja als Sportler auch schon relativ alt. Liegt das daran, dass Sie einen Ausdauersport betreiben?
Lurz: Man profitiert bei der Sportart schon sehr viel von Erfahrung, die bekommt man natürlich nur, wenn man ein gewisses Alter, sehr viele Wettkämpfe und unterschiedliche Bedingungen mitgemacht hat. Da wir ja im Freien schwimmen, Meer, See oder Fluss, hast Du immer andere Bedingungen. Selbst wenn Du am gleichen Ort bist, kann es am Samstag wellig sein und am Sonntag ist es ganz ruhig. Das sind dann zwei komplett andere Rennen. Da spielt Erfahrung eine ganz große Rolle, zumal auch die Dauer der Strecke, da muss man ein Gefühl für entwickeln, wie lang das ist, um sich die Kraft einzuteilen.

FM: Sicher schwankt auch die Temperatur?
Lurz: Der nächste Weltcup ist in Portugal, da liegen wir so zwischen 16 und 18 Grad. Im Atlantik ist es nie richtig warm. Auf der anderen Seite kannst Du Weltcups in Hongkong im Hafenbecken haben, mit 30 Grad. Das ist ganz was anderes, darauf musst Du deine Taktik einstellen, schauen ob Du vorher trinkst und so weiter.

FM: Sind Sie eigentlich schon Haien begegnet?
Lurz: Ich hatte schon einige Begegnungen mit fast allem, was man sich vorstellen kann: Delfine, Haie, Europaletten, Schildkröten, Quallen; Krokodile auch schon. Ich sag‘ immer, wenn ein Hai kommt, da sind 70, 80 Schwimmer, da muss man sich halt strategisch gut platzieren!

FM: Hat man da keine Angst?
Lurz: Im Wettkampf interessiert mich das gar nicht. Da nimmt man das teilweise auch nur bedingt wahr. Es gibt nur fünf Haiarten, die für den Mensch gefährlich sind, die anderen sind egal. Und wenn so ein Weißer Hai kommen würde, oder ein Tigerhai, wahrscheinlich ist es dann eh zu spät.

FM: Freischwimmen ist ja eine eher außergewöhnliche Sportart, andere spielen vielleicht eher Fußball. Wie kamen Sie dazu?
Lurz: Ich hab eigentlich auch erst mit Fußball angefangen, das hat mir auch viel mehr Spaß gemacht als Schwimmen, bis ich eine Medaille gewonnen habe, mit sieben Jahren. Da dachte ich mir, da bleibst Du dabei. Ich war schon von klein auf umso besser, je länger die Strecken waren. Auch in der Leichtathletik, auf 100 Metern war ich okay, auf 3.000 konnte mich keiner schlagen in der Schule. Ich bin vom Typ her schon immer Ausdauersportler. Dann hat sich das so ergeben, dass die 10 Kilometer olympisch wurden, und so habe ich mich darauf konzentriert.

THOMAS LURZ UW_07FM: Sie sprachen davon, dass das Training Ihnen nicht wirklich Spaß macht. Wie motivieren Sie sich da täglich?
Lurz: Durch die Ziele. Man muss genau wissen, wenn ich dieses Ziel erreichen möchte, muss ich dies trainieren. Wenn ich der Beste auf der Welt werden will in irgendwas, dann habe ich 365 Tage, 24 Stunden pro Tag und dem muss ich alles unterordnen.

FM: Wird man nicht irgendwann satt an Erfolgen?
Lurz: (zögernd) Olympische Spiele haben schon immer noch ihren Reiz. Solange man erfolgreich ist, ergibt sich noch immer etwas dazu, ob es Vorträge sind, das sind auch Motivationsgründe, da sagt man, ich mach‘ den Wettbewerb noch mit und jenen. Es wird schon irgendwann der Punkt kommen, wo ich sage, ich hab‘ jetzt fast alles gewonnen. Motivationsprobleme hatte ich eigentlich noch nie.

FM: Kann man auch mal an einzelnen Tagen sagen, also heute habe ich gar keine Lust, heute geh ich mal nicht ins Wasser?
Lurz: Kann man machen, klar. Hab ich aber in meinem ganzen Leben noch nie gemacht! Es würde in meinem Alter wahrscheinlich auch nicht schaden, wenn ich sage, heute gehe ich mal nicht ins Wasser, weil es egal ist, weil ich in meinem Leben schon einmal um die Welt geschwommen bin. Ob ich jetzt noch acht Kilometer mehr oder weniger schwimme, wird keinen Unterschied machen. Aber man muss sich auch gewisse Erfolge und Titel verdienen, das Glück des Tüchtigen. Rennen, die man vielleicht mit ein, zwei Zehnteln gewinnt, das sind dann wahrscheinlich diejenigen, die an solchen Tagen gesagt haben: Mensch, ich geh heute halt doch zum Training. Es ist wie im Beruf auch, man muss kämpfen und wird immer belohnt. Man darf nicht zu früh aufgeben.

Thomas Lurz - Sportbotschafter bei s.Oliver
Thomas Lurz: Der Rekord-Weltmeister im Langstreckenschwimmen arbeitet als Sportbotschafter für das Rottendorfer Modeunternehmen.Foto: Norbert Schwarzott

FM: Mit ihrer Sportart sind Sie ja im Vergleich zu einem Fußballer viel unbekannter, stehen nicht so in der Aufmerksamkeit und verdienen sicherlich auch weniger.
Lurz: Ja, absolut, das stimmt, das ist bei uns in Deutschland im Olympischen Sport grundsätzlich ein Problem. Es ist für uns Sportler schwer, die meisten haben eine duale Karriere, ich habe nebenbei noch studiert, das ist auch nicht so einfach. Und da muss man schauen, was macht man mit dem Beruf später. Ich halte relativ viel Vorträge über Motivation, Zielerreichung und Ähnliches, arbeite auch bei S. Oliver in der Personalentwicklung. Fußball ist überall auf der Welt Leistungssportart Nummer 1, aber man muss eins bedenken, wenn man sich die Bundesliga anschaut, ist nicht jeder Verein, der da spielt, Weltklasse. Muss man jetzt einfach sagen, viele die da spielen, sind nicht unbedingt Hochleistungssportler.

FM: Es fällt auf, Fußballer bei uns jammern doch gerne schon, wenn sie zwei Spiele in der Woche haben.
Lurz: Da müssen sie mal zur NBA schauen, die haben jetzt Play-Offs, die spielen jeden zweiten oder dritten Tag, fliegen aber dazu noch hin und her durch die USA. Es ist absolut richtig, bei uns was den Fußball anbelangt, dem geht es sehr, sehr gut. Die Spieler haben die Möglichkeit, ihren Sport professionell zu betreiben, damit Geld zu verdienen, aber jammern trotzdem zu viel.

FM: Spielt in Sportarten wie Fußball Glück und Taktik eine größere Rolle als Training, im Vergleich zu ihrem Sport?
Lurz: Typisches Beispiel: im DFB-Pokal besteht für jede Mannschaft, egal welche, eine ganz kleine Chance, zu gewinnen. Du kannst gegen den Usain Bolt rennen, egal zu welcher Tageszeit, kannst ihm einen Arm verbinden, die Augen zubinden, der kann den Tag vorher nicht geschlafen haben, Du wirst keine Chance haben. Die einzige Möglichkeit ist ein Fehlstart, sobald das Rennen losgeht, ist es aber vorbei.

projekte_buch1

FM: Sie sprachen viel über den Erfolg im Sport. In Ihrem Buch „Auf der Erfolgswelle schwimmen“ übertragen Sie dies für junge Menschen, auf andere Lebensbereiche. Was braucht es zum Erfolg?
Lurz: Das Buch habe ich zusammen mit Yasmin Fargel von der FH Nürnberg, eine ehemalige Schwimmerin und sie ist -- glaub ich -- jüngste Professorin in Deutschland, geschrieben. Letztendlich ist es so, man muss seine Ziele wissen, man darf niemals aufgeben, sich nicht runterreißen lassen, wenn es ein-, zweimal nicht funktioniert hat, das ist normal. Immer wieder aufstehen und immer den Weg gehen, der ein bisschen schwierig ist, unangenehm, der zwickt, aber das ist der Weg, der meist zum Erfolg führt. 99 Prozent der Menschen sind dazu nicht bereit. Man muss nicht das größte Talent sein, um erfolgreich zu sein. Jeder kann seine persönlichen Ziele erreichen, wenn sie realistisch sind und kann Stück für Stück die Leiter hochklettern.

FM: Kommen wir mal vom Fleiß zur Freizeit, was macht ein Schwimmer da? Urlaub am Meer, Besuch im Freibad?
Lurz: Es ist eigentlich so, dass ich mich in meiner Freizeit meistens ausruhe. Ich gehe gerne angeln, schaue Fußball, Sportereignisse generell. In den Urlaub bin ich schon seit 2000 nicht mehr. Ich bin eh viel unterwegs und wenn ich meine zwei Wochen Pause habe im Jahr, dann willst Du eigentlich nicht wieder in den Flieger.

FM: Zu einer Hochzeit kann man Sie auch nicht einladen...?
Lurz: Wird schwer. Ich kann natürlich schon Trainingseinheiten verschieben, ich habe elf in der Woche, Sonntag ist frei, Donnerstags nur eine, da kann ich schon Donnerstags mal zwei machen. Also es geht schon. Aber man darf das langfristig nicht außer Acht lassen. Irgendwann schleicht sich der Schlendrian ein. Wenn ich zum Beispiel Vorträge habe, die weiter weg sind, muss ich die Woche so planen, dass ich immer auf meine elf Einheiten kommen, eben mal sonntags schwimmen oder dort.

sportstiftung_flyer

FM: Vor zwei Jahren gründeten sie eine Sportstiftung. Was hat es damit auf sich?
Lurz: Ich habe mir irgendwann gedacht, ich war jetzt viele Jahre erfolgreich im Sport tätig, ich hatte viel Glück, weil ich immer gesund war, so dass ich gesagt habe, ich gebe mal etwas zurück. Gesundheit ist das allerwichtigste. Es gibt viele Menschen, die nicht so viel Glück gehabt haben, Schicksalsschläge hatten, die Handicaps haben, durch Körperbehinderung oder Unfall. Die treiben auch Sport, Leistungssport zum Teil, die auch sehr viel und hart trainieren. Da kam die Idee auf, eine Sportstiftung für Menschen mit Handicap zu machen. Wir hatten letztes Jahr ein ganz großes Fest in Würzburg „no limits“ mit verschiedenen Sportarten. Menschen mit und ohne Handicap haben zusammen Fußball und Basketball gespielt. Das war sehr, sehr lustig, es waren rund 3.000 Zuschauer da und die Veranstaltung wird es nächstes Jahr auch wieder geben, das könnte man in jede Stadt ausweiten. Wir hatten bei „no limits“ ein Rollstuhl-Basketball-Spiel gegen die s. Oliver Baskets und das haben die Rollstuhlfahrer 40:2 oder so gewonnen. Die haben dann natürlich mehr Autogramme gegeben als unsere Baskets. Das war für die Rollstuhlfahrer ein Riesenerlebnis und die haben zu mir gesagt: Mensch Thomas, ich habe noch nie ein Autogramm gegeben und heute 100 Kindern aufs T-Shirt geschrieben. Weil die einfach saugut gespielt haben.

FM: Sie kommen aus Franken, was macht Franken für Sie aus?
Lurz: Es ist meine Heimat, ich komme immer wieder gerne her, egal wo ich auf der Welt war. Ich würde auch ungern hier wegziehen. Aber meine Heimat bleibt es immer. Das Wetter, nun gut, nicht gerade Weltklasse. Aber ich bin hier geboren und fühle mich hier wohl. Ich finde die überschaubare Größe sehr angenehm, ich bin keiner, der langfristig in einer Millionenstadt leben will.

Das Interview führte Christian Rechholz |www.franken-manager.de