PRESSE: „Uns schauen nur die Wölfe zu“ – Thomas Lurz im Interview mit der MAINPOST

PRESSE: „Uns schauen nur die Wölfe zu“ – Thomas Lurz im Interview mit der MAINPOST

THOMAS LURZ UW_05Thomas Lurz vom SV 05 Würzburg ist der erfolgreichste Freiwasserschwimmer der Geschichte. Der 34-Jährige gewann nicht nur zwölf Titel bei Weltmeisterschaften und fünf bei Europameisterschaften, er ist auch mehrmaliger Gesamt-Weltcupsieger und gewann bei den Olympischen Spielen in Peking Bronze (2008) und in London Silber (2012). Das Trainingspensum des Langstreckenschwimmers beträgt im Jahr rund 3200 Kilometer, nahezu die Entfernung von Würzburg ins afrikanische Marrakesch. Einen Namen hat sich Lurz auch mit seinen Vorträgen zum Thema Motivation gemacht, für den Rottendorfer Modekonzern s. Oliver verantwortet er als Mitarbeiter in der Personalentwicklung das Sportprogramm für die Angestellten. Im Interview spricht Thomas Lurz über die Fußball-WM, die bevorstehende Europameisterschaft in Berlin, seine Vaterrolle und er kritisiert die internationalen Schwimmverbände für ihre sportlerfeindliche Terminplanung.

Frage: Das Sportereignis des Sommers war die Fußball-WM in Brasilien. Haben Sie die Spiele verfolgt?
Thomas Lurz: Na klar. Ich bin jetzt keiner, der auf die Fanmeile geht, aber die deutschen Spiele habe ich natürlich alle gesehen, und viele andere auch. Ich habe mich für die deutsche Mannschaft gefreut. Sie hat den Titel verdient, weil sie über viele Jahre sehr konstant gespielt hat. Es war verrückt, nach dem Endspiel habe ich unzählige E-Mails und SMS von Schwimmern aus der ganzen Welt bekommen, die mich beglückwünscht haben. Ich sag' mal, mein Anteil am Pokalgewinn war ja eher gering (lacht).

Aber ist es nicht auch verrückt, was ein WM-Titel im Fußball hierzulande auslösen kann? Wie bewerten Sie das als einer, der zwölf Weltmeistertitel im Langstreckenschwimmen gesammelt hat?
Lurz: Fußball ist ein weltumspannender Volkssport und leicht zu verstehen, er kann so viele Menschen bewegen, das ist immer wieder faszinierend. In meinem Sport kann doch kein normaler Mensch ermessen, was es heißt, zehn Kilometer in 1:49 Stunden zu schwimmen. Aber beim Fußball kann jeder mitreden. Dazu wird der Sport wahnsinnig von den Medien gepusht, wobei mich diese endlosen Berichte über Nebensächlichkeiten manchmal richtig nerven.

THOMAS LURZ UW_07Für Sie steht der Saisonhöhepunkt kurz bevor: In gut drei Wochen beginnen die Europameisterschaften der Schwimmer in Berlin. Wie sind Sie mit der Vorbereitung bislang zufrieden?
Lurz: Sehr. Die Form ist gut. Ich fahre nach Berlin, um Medaillen zu gewinnen.

Seit drei Monaten sind Sie Vater. Der kleine Felix lässt Sie schlafen?
Lurz: Ja, alles ist bestens. Ich genieße jede Minute, die ich mit ihm verbringen kann. Meistens wacht er einmal in der Nacht auf, so gegen 4 Uhr. Da muss ich ja dann auch langsam raus zum Frühtraining (lacht).

Vor der EM reisen Sie am 31. Juli noch zu einem Weltcup-Rennen in Kanada. Hört sich nicht nach perfekter Vorbereitung an.
Lurz: Ich bin Weltcup-Führender, und wenn ich halbwegs noch eine Chance auf den Titel in der Gesamtwertung haben will, muss ich eben in den sauren Apfel beißen und jetzt über den Atlantik fliegen. Ehrlich gesagt kann ich diese Terminkollision nicht verstehen. Es ist ja sogar noch während der EM ein Weltcup in Kanada angesetzt, an solch einer hanebüchenen Planung muss dringend etwas geändert werden. Da es keine Streichresultate gibt, wird nicht der beste Schwimmer Weltcup-Sieger, sondern der, der am meisten in der Weltgeschichte herumfliegt. Die Europäer sind auf jeden Fall benachteiligt, weil ihr Fokus natürlich auf der Europameisterschaft liegt.

Die Wettkampfplanung des Europäischen Schwimmverbandes LEN für die EM sieht nicht viel besser aus. Auftakt ist am 13. August mittags mit den fünf Kilometern, bereits am nächsten Morgen stehen die zehn Kilometer auf dem Programm . . .
Lurz: Das ist ein Witz. Ich weiß nicht, wer für diese Planung verantwortlich ist, aber ich weiß, dass er keinerlei Affinität zum Leistungssport haben kann.

Vielleicht spielt das Fernsehen eine Rolle, vom Zehn-Kilometer-Rennen wollen ARD/ZDF eine Stunde live übertragen?
Lurz: Das mag sein. Trotzdem hätte man es entzerren können. So bleibt keine Zeit zur Erholung.

Auf welchen Strecken starten Sie?
Lurz: Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden. Klar sind die zehn Kilometer, das ist die olympische Strecke und damit die wichtigste. Ob ich über 25 Kilometer starte, mache ich von der Wassertemperatur abhängig. Wenn diese unter 20 Grad liegt, tendiere ich zu einem Verzicht. Fünf Stunden zu schwimmen ist eh schon eine Qual, in kaltem Wasser aber schmerzt es noch mehr.

THOMAS LURZ_02Die Freiwasser-Wettkämpfe werden vor den Toren Berlins auf der Regattastrecke in Grünau stattfinden. Kennen Sie die Strecke?
Lurz: Nein, und ich finde es schade, dass wir so weit draußen schwimmen müssen. Berlin hat so tolle Möglichkeiten, den Wannsee oder den Bereich am Stadtstrand. Wir hätten bei der Heim-EM unseren Sport richtig gut präsentieren können, schließlich sind wir aktuell die erfolgreichste Freiwassernation. Ich habe vor zwei Jahren bereits darauf hingewiesen, meine Mitarbeit im Verband angeboten.

Gab es eine Reaktion?
Lurz: Nein, und ich kann das irgendwo auch nachvollziehen. Auf der Regattastrecke ist alles vermessen, ist alles einfacher zu organisieren. Aber mit einfachem Training werde ich auch nicht Europameister. London, Kopenhagen, Barcelona, Hongkong, alle haben es vorgemacht, wie attraktiv unsere Wettbewerbe in Städten sein können. Wir müssen dahin, wo die Zuschauer sind. In Grünau schauen uns vielleicht ein paar Wölfe zu.

Die Freiwasserszene wurde jüngst durch den Dopingfall des russischen Ex-Weltmeisters Wladimir Diatschin erschüttert. Überrascht?
Lurz: Diatschin war über viele Jahre einer meiner härtesten Konkurrenten, in den vergangenen vier, fünf Jahren konnte er sich aber nicht mehr so in Szene setzen. Ich weiß nicht, warum er etwas genommen hat. Ich finde es schade für unseren Sport.

2007 bei der WM in Melbourne hat er Sie über zehn Kilometer hauchdünn besiegt. Macht man sich da im Nachhinein nicht Gedanken?
Lurz: Natürlich, aber ich kann doch nicht in die Leute reinschauen.

Die Hälfte des olympischen Zyklus' ist bereits um. In zwei Jahren finden die Spiele in Rio de Janeiro statt, es wäre Ihre vierte Olympia-Teilnahme. Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie bis dahin weitermachen?
Lurz: Nein. Ich gebe zu, Olympia in Rio ist reizvoll. Aber ich werde mich erst nach der EM in Berlin entscheiden.

Kalender2015_ThomasLurzLurz-Kalender
Das eindrucksvolle Unterwasser-Bild von Thomas Lurz auf dieser Seite stammt aus einer Serie, die der Fotograf Benjamin Krohn für den Ausrüster arena in diesem Jahr in Würzburg gemacht hat. Viele dieser Fotos sind im Hochglanz-Kalender 2015 zu sehen, der auch über die Homepage des Schwimmers (www.thomas-lurz.de) bestellt werden kann. Der Erlös aus dem Verkauf kommt seiner Sport-Stiftung zugute, mit der der Würzburger Athlet den Behindertensport unterstützt.

 

Quelle: MAINPOST von Achim Muth