PRESSE: In der Bugwelle von Thomas Lurz – Ein Journalist im Selbstversuch

PRESSE: In der Bugwelle von Thomas Lurz – Ein Journalist im Selbstversuch

Die Europameisterschaften in Berlin (13. bis 24. August) sind das nächste große Ziel des Langstreckenschwimmers Thomas Lurz. Doch wie bereitet sich der Rekordweltmeister darauf vor? Ein Selbstversuch von Journalist Martin Tschepe.

THOMAS LURZ_02Vor dieser Trainingseinheit im Wolfgang-Adami-Bad in Würzburg hab’ ich ordentlich Respekt, vielleicht sogar ein bisschen Schiss. Ich bin mindestens so aufgeregt wie vor meinem allerersten Schwimmwettkampf 1975 im Freibad Untergruppenbach. Damals standen 50Meter Freistil auf demProgramm. 39 Jahre später wartet der deutsche Rekordweltmeister im Langstreckenschwimmen auf mich. Er war 1975 noch gar nicht auf der Welt. Während seiner zweiten Trainingseinheit an diesem Tag will er sieben Kilometer schwimmen.

Thomas Lurz hatte auf die Anfrage, ob der Hobbyschwimmer mal bei seinen akribischen Vorbereitungen auf die Europameisterschaften in Berlin mitmachen dürfe, schnell zugesagt: „Klar geht das“, war die Antwort des Ausnahmeathleten. Ein Rückzieher war damit passé. „Da musst Du jetzt durch“, haben meine Schwimmkumpels in Ludwigsburg gefeixt.

Bild 8Es ist ein strahlend schöner Sommernachmittag im Juli. Der 34 Jahre alte Würzburger fährt mit einem schicken Kombi vor, steigt aus, hält mir die Hand entgegen und sagt: „Hallo, ich bin der Thomas.“ Und dann erzählt der Thomas, dass ihm der Wagen mit dem Stern vom Sponsor zur Verfügung gestellt worden sei. Dass er heute Morgen bereits sieben Kilometer geschwommen sei. Dass jetzt erstmal Krafttraining auf dem Programm stehe. Lurz lebt nicht nur für das Schwimmen, sondern auch vom Schwimmen. Seit ein paar Jahren arbeitet der Sozialpädagoge bei einem Bekleidungshersteller in der Personalentwicklung und als Sportbotschafter des Unternehmens aus Rottendorf bei Würzburg.

Im Adami-Bad mit dem angeschlossenen Sportstudio wird es dann ernst: Gewichte stemmen, an Seilen ziehen, schweißtreibendes Arbeiten an den verschiedensten Geräten. Thomas Lurz trainiert zusammen mit ganz gewöhnlichen Kunden des Fitnessstudios, das – wie das Bad mit dem 50-Meter-Wettkampfbecken – seinem Club gehört, dem Schwimmverein Würzburg 05. Hier hat Lurz vor rund 30 Jahren Schwimmen gelernt, hier hat er unzählige Trainingskilometer heruntergespult, täglich etwa 13,manchmal fast 20. Er sei mindestens einmal umdieWelt geschwommen, erzählt Thomas Lurz während des Krafttrainings. Vermutlich hat er die Erdkugel rein rechnerisch aber schon fast zweimal umrundet – grob geschätzt dürfte der gebürtige Franke fast 80000 Trainingskilometerin den Armen und Beinen haben.

6 Thomas Lurz by PatrickHarke_dmfreiwasser2014„Hallo Thomas, wie geht’s?“ Solche Fragen muss der Nationalschwimmer während des Krafttrainings immer wieder beantworten. Ohne zu murren berichtet der erfolgreichste Schwimmer, den Deutschland jemals hervorgebracht hat, dann von seinem im April dieses Jahres geborenen Sohn Felix, von seiner Freundin Annette Baumann, vom Job und von den Vorbereitungen auf die Europameisterschaften in der Bundeshauptstadt. An diesemTagmuss er auch noch seinem Begleiter alle paarMinuten sagen, welche Übungen als Nächstes anstehen. Keine Frage: Thomas Lurz ist ein Star, aber ein Star ohne Allüren.

Schon bevor das Schwimmtraining beginnt, habe ich bleischwere Arme und Beine. „Das geht mir auch so“, sagt der Franke und lächelt. Mein Respekt vor der anstehenden Wassereinheit wird trotzdem kein bisschen kleiner. Oft mache ihm das Training überhaup keinen Spaß, gibt Thomas Lurz zu. Ist ja auch keinWunder:Wer hat schon Lust jeden Tag umPunkt 6.23Uhr aufzustehen, eine Milchschnitte zu essen, Kakao zu trinken und dann um Schlag sieben ins Wasser zu springen. Tag aus, Tag ein. Er sei nie ein Supertalent gewesen, habe aber „in 20 Jahren kein einziges Training geschwänzt“, erzählt Thomas Lurz. Ehrgeiz, eiserne Disziplin und ein unbändiger Wille, das sind die Zutaten für das Erfolgsrezept des Topschwimmers. Der Wille, sagt er, „ist relativ“. Der Tag habe 24 Stunden, „wenn man acht Stunden schläft, dann hatman bestenfalls 16 Stunden Zeit, um sein Ziel zu erreichen.“
Lurz wird bei der EM in Berlin mehrmals antreten. Ob er allerdings die fünf Kilometer, die zehn Kilometer, die 25 Kilometer und auch noch die Teamwertung schwimmen wird, dasswill er kurzfristig entscheiden. Gemeldet
hat er jedenfalls für alle Strecken.

Thomas Lurz (Fotograf: Benjamin Krohn)Das Wassertraining beginnt. Nach nur einer Bahn langsam einschwimmen wird die Trainingsserie dieses Nachmittag gestartet: elfmal 600 Meter mit wechselnden Lagen, mal Kraul, mal Rücken, mal nur Beinschlag, mal mit Schnorchel, Maske und Flossen. Zur Trainingsgruppe Lurz gehört eine Handvoll anderer Spitzenschwimmer. „Wir sind nach 100 Metern vermutlich weg“, ruft Thomas mir zu – und bereits ein paar Sekunden später bin ich nur noch in der Bugwelle und sie sind aus dem Blick. Thomas Lurz und ein Gastschwimmer der irischen Nationalmannschaft sind super flott unterwegs. Als die beiden ihre ersten 600 Meter beenden, habe ich mit Ach und Krach 500 Meter geschafft. Ein paar Sekunden verschnaufen und die nächsten 600 Meter. So geht das weiter. Thomas Lurz kommt an, ruft mir Anweisungen für die nächste Etappe zu – zum Beispiel „150 Kraul, 50 Rücken im Wechsel“ oder „600 Delfin Beine“ – und startet wieder.

Meine Arme und Beine werden schnell immer schwerer, bei manchen Übungen schaffe ich nur noch 400 Meter. Die Mitschwimmer rümpfen ob des Lahmarsches auf der Bahn vermutlich nicht nur einmal die Nase, sie meckern aber nicht. Nach knapp einer Stunde habe ich eine gute Ausrede für eine Auszeit parat – ich muss mal, ein paar Fotos machen. Als die Bilder geschossen sind, hat Thomas Lurz mindestens drei, vermutlich vier weitere 600er heruntergespult. Er pflügtmühelos durch das Wasser. Sein Bruder und Trainer Stefan Lurz steht am Beckenrand und stoppt die Zeiten seiner Schützlinge. Mal lobt er, mal schimpft er wie ein Rohrspatz.

Die Frage, ob ich noch mal ins Training einsteigen darf, beantwortet Stefan Lurz mit einem Nicken. Die Muskeln schmerzen, ich werde langsamer, absolviere aber noch ein paar Mal 400 Meter. Nach gut eineinhalb Stunden beenden Thomas Lurz, der Ire und alle anderen ihre Serien. Ein paar Bahnen locker ausschwimmen, dann steigt der Ultraathlet aus dem Becken. Meine Frage, ob er sich nie mehr als eine Bahn langsam einschwimme, beantwortet ermit einembreiten Grinsen: „Das war doch eigentlich alles Einschwimmen.“ Zum Glück muss ich amnächsten Morgen nicht schon wieder ins Wasser.

THOMAS LURZ_04ZUR PERSON
Thomas Lurz wird am 28. November 1979 in Würzburg geboren. Schon als Kind kann er sich fürs Schwimmen begeistern. 1998 gewinnt er bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften den Titel über 1500 Meter. 2001 wird er erstmals deutscher Meister auf der Fünf-Kilometer-Strecke. Er spezialisiert sich ganz auf die Distanzen fünf und zehn Kilometer. Im ägyptischen Badeort Scharm-el-Sheik gewinnt er 2002 seine erste internationale Medaille. Lurz jubelt nach fünf Kilometer über die Bronzemedaille.

DER TITELSAMMLER PEILT RIO 2016 AN
Der zwölfmaligeWeltmeister und Olympia-Zweite von London 2012 wurde Ende vergangenen Jahres zum fünften Mal vom Europäischen Schwimmverband zum „European Aquatic Athlete of the Year“ gewählt. Und nicht nur das: Bei den Deutschen Freiwassermeisterschaften Anfang Juli in Hamburg hat er die fünf Kilometer (53:21 Minuten) gewonnen, es war sein 28. nationaler Titel. Zurzeit konzentriert sich Lurz voll auf die Europameisterschaften in Berlin. Noch hat er nicht entschieden, ob er danach weitertrainieren will. Doch der Langstreckenschwimmer aus Würzburg deutet an, dass er wohl bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro weitermachen werde: „Es sieht ganz gut aus.“ Zumal ihm Olympisches Gold in seiner Titelsammlung noch fehlt.

THOMAS LURZ_07DIE EIGENARTEN VON THOMAS LURZ
Thomas Lurz trainiert nie im Freiwasser. „Das bringt nichts“, sagt er. „Schinden muss man sich im Becken.“ Nur in der Halle könne er die Zeiten genau stoppen, sich mit anderen Topschwimmern messen. Thomas Lurz ist eigentlich auch ein Mann der leisen Töne, doch wenn es sein muss, dann bezieht er klar Position. Über den ehemaligen Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange sagt er zum Beispiel: „Der hat eine große Klappe.“ Lange rede viel, bringe aber keine Topschwimmer nach oben. Der Groll auf den früheren Bundestrainer kommt nicht von ungefähr: Dirk Lange hatte mal über Thomas Lurz gelästert, dass im Freiwasser nur jene Schwimmer an den Start gingen, die im Becken gescheitert seien. Doch trotz aller Meinungsverschiedenheiten sind sich Lurz und Lange auch einig. Etwa in puncto Trainingspensum. „Die deutschen Schwimmer trainieren zu wenig“, sagen beide unisono. Thomas Lurz ist sogar der Meinung, wer nicht spätestens mit 13 oder 14 zweimal täglich trainiere, der könne nicht erwarten, später international mitzuhalten.

 

TSCHEPE/SOAK

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