PRESSE: Olympische Momente – Freiwasserschwimmer Thomas Lurz

PRESSE: Olympische Momente – Freiwasserschwimmer Thomas Lurz

Am Ende waren es drei Sekunden. Drei Sekunden Unterschied. Aber es war nicht die Zeit, die dieses beeindruckende Zehn-Kilometer-Schwimmen bei den Olympischen Spielen entschied.

 

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Ohne Druck: Freiwasserschwimmer Thomas Lurz hat für sich neue Ziele definiert. (Foto: dpa)

Es war die Dominanz des Gegners. Ästhet Oussama Mellouli hat das Langstreckenschwimmen an diesem heißen Sommertag in London in eine neue Dimension gehievt. Der Tunesier agiert über nahezu zwei Stunden an der Spitze wie ein Schifferklavierspieler: Er zieht das Feld auseinander, er lässt es wieder herankommen. Doch einen kann er nicht abschütteln: Thomas Lurz. Der zehnmalige Weltmeister aus Würzburg pflügt durch das Wasser, und am Ende, als dem Konkurrenten die Kräfte schwinden, da hätte er sich doch noch fast das ersehnte Gold gekrallt. Doch es fehlen drei Sekunden.

(Foto:dpa)

Erst Augenblicke später registriert Mutter Renate Lurz auf der Tribüne im Hyde Park den Erfolg. Tränen vermischen sich mit Schweiß. Wer könnte all die Anstrengungen der vergangenen Jahre besser beurteilen als die Mutter? Thomas Lurz wohnt noch zu Hause. Seit vor fünf Jahren sein Vater und Förderer Peter Lurz bei einem Fahrradausflug an plötzlichem Herzversagen gestorben ist, fühlt er auch eine Verantwortung für die Familie, die in seinem Heimatverein SV 05 Würzburg verwurzelt ist wie wohl keine zweite: Der Vater war Vereinspräsident, Mutter Renate betreut den Shop im Wolfgang-Adami-Bad und Bruder Stefan Lurz (35) ist Cheftrainer und Bundestrainer Freiwasserschwimmen in Personalunion.

„Er war besser an diesem Tag“, sagt Thomas Lurz 153 Tage nach seinem Rennen im Hyde Park. Er meint Mellouli, mit dem er sich sogar etwas angefreundet hat. Facebook macht’s möglich. Lurz steht am Beckenrand des SV-05-Bades. Sieben Kilometer Schwimm-Training hat er hinter sich, das Wasser perlt ab an ihm und sammelt sich an seinen Füßen zu kleinen Lachen. Er ist wieder zurück in seinem Element nach der Pause, die er sich nach Olympia gegönnt hatte. „Vier Jahre war nur dieses eine Ziel in meinem Kopf, da musste ich mal abschalten“, sagt er.

Er hatte auch ohne Schwimmen viel zu tun. In Mainfranken, dieser Fußball-Diaspora zwischen Rhön und Taubertal, Spessart und Steigerwald, ist der Schwimmer Thomas Lurz zu einer Marke geworden. Das Silber von London, die einzige Medaille für den deutschen Schwimm-Verband dort, hat den 33-Jährigen zu einer Art Star gemacht in der „Provinz auf Weltniveau“ – wie sich Würzburg jahrelang in einer Marketing-Verirrung selbst genannt hat. „Für mich und meine Sportart war Olympia in London ein erheblicher Imagegewinn“, sagt er, „ich habe unheimlich viel und positive Resonanz bekommen“. Die Stadt empfing ihn im Gartensaal der Würzburger Residenz, in dem Weltkulturerbe war auch Unterfrankens zweite Sport-Größe, Basketballspieler Dirk Nowitzki, nach dem NBA-Titel 2011 gefeiert worden.
Längst ist Thomas Lurz für regionale Unternehmen ein gefragter Werbepartner, denn er steht zu seiner Heimat. An der Universität Würzburg hielt er eine Gastvorlesung, bei Firmen referiert er über das Thema Motivation. Titel seiner Vorträge: „Grenzen sprengen.“ Dazu ist im Sommer sein erstes Buch erschienen, das ein Wegweiser für junge Menschen sein soll.

„Auf der Erfolgswelle schwimmen“, heißt das 181-Seiten-Werk. Der Rotary Club Würzburg lud ihn zu einer Diskussion über den Leistungssport ein, zusammen mit dem ehemaligen Olympia-Fechter Dieter Schneider gründete er eine Stiftung. Der britische Schwimm-Verband ließ Lurz in die Nähe von London einfliegen, wo die Engländer ihre Spiele aufarbeiteten. Zusammen mit Bob Bowman, Trainer der US-Schwimmlegende Michael Phelps, war der Würzburger der einzige ausländische Referent.
Die Erfahrung und das Fachwissen des zehnmaligen Freiwasser-Weltmeisters nutzt auch der Deutsche Schwimm-Verband, der den diplomierten Sozial-Pädagogen als einzigen Athleten in seine Strukturkommission berief. Lurz, der Schwimmlehrer. „Es wurde nicht langweilig“, sagte er, aber nach einem Monat fehlte ihm etwas. Also sprang er eine Woche früher als geplant wieder ins Wasser.

„Ein Karriereende stand sowieso nicht zur Debatte“, so der 33 Jahre alte Diplom-Pädagoge, „aber meine Motivation hat sich verändert“. Der immense Druck sei weg. „Ich nehme es, wie es kommt.“ Anfangs fiel ihm die Rückkehr ins Becken schwer: „Ich musste mich schon überwinden. Aber seit der Rhythmus wieder da ist, fällt mir das Training leichter.“ Derzeit absolviert er schon wieder 80 Kilometer in der Woche. Seine Ziele definiert er künftig in anderen Kategorien. So verzichtet er erstmals seit Ewigkeiten auf den Start bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften, auch wenn diese in seiner Heimatstadt ausgetragen werden. Stattdessen fliegt er Ende Januar zum Auftakt der Weltcup-Saison nach Brasilien und Argentinien, im Sommer strebt er bei der WM in Barcelona einen Start an. Thomas Lurz hat gelernt, seine Silbermedaille von London als Erfolg anzusehen. „Ich hätte nur einen Platz besser abschneiden können“, sagt er mit einem Lächeln, „aber sehr viele Plätze schlechter“.

Quelle: www.echo-online.de  | 28. Dezember 2012  | Von Achim Muth