PRESSE: Thomas Lurz – Mann ohne Grenzen (Westdeutsche Zeitung)

PRESSE: Thomas Lurz – Mann ohne Grenzen (Westdeutsche Zeitung)

Wie Olympia-Silber den 33-Jährigen zu einer Marke in seiner fränkischen Heimat Würzburg machte. Am Ende waren es drei Sekunden. Nur drei Sekunden Unterschied nach zehn Kilometern Schwimmen. 

BGM_Programm1Der Tunesier Oussama Mellouli gewann, konnte aber einen nicht abschütteln: Thomas Lurz. In Mainfranken ist Lurz zu einer Marke geworden. Das Silber von London, die einzige Medaille für den deutschen Schwimm-Verband dort, hat den 33-Jährigen zu einer Art Star gemacht in der „Provinz auf Weltniveau“ – wie sich Würzburg jahrelang in einer Marketing-Verirrung selbst genannt hat. „Für mich und meine Sportart war Olympia in London ein erheblicher Imagegewinn“, sagt er. „Ich habe unheimlich viel und positive Resonanz bekommen.“

Olympische Momente

Obwohl drei Sekunden zum Triumph von London fehlten, freute sich auf der Tribüne im Hyde Park auch Mutter Renate. Thomas Lurz wohnt noch zuhause. Seit vor fünf Jahren sein Vater und Förderer Peter Lurz bei einem Fahrradausflug an Herzversagen gestorben ist, fühlt er eine besondere Verantwortung für die Familie, die in seinem Heimatverein SV 05 Würzburg fest verwurzelt ist. Der Vater war Vereinspräsident, Mutter Renate betreut den Shop im Wolfgang-Adami-Bad, und Bruder Stefan Lurz (35) ist Cheftrainer und Bundestrainer Freiwasserschwimmen in Personalunion. „Er war besser an diesem Tag“, sagt Thomas Lurz 153 Tage nach seinem Rennen im Hyde Park. Er meint Mellouli, mit dem er sich sogar etwas angefreundet hat. Lurz steht am Beckenrand des SV-05-Bades. Sieben Kilometer Schwimm-Training hat er hinter sich, das Wasser perlt ab an ihm und sammelt sich an seinen Füßen zu kleinen Lachen. Er ist wieder zurück in seinem Element nach der Pause, die er sich nach Olympia gegönnt hatte. „Vier Jahre war nur dieses eine Ziel in meinem Kopf, da musste ich mal abschalten“, sagt er. Er hatte auch ohne Schwimmen viel zu tun.

Lurz hält Vorträge, schreibt ein Buch und berät den Schwimm-Verband

Lurz ist für regionale Unternehmen ein gefragter Werbepartner. An der Universität Würzburg hielt er eine Gastvorlesung, bei Firmen referiert er über Motivation. Titel seiner Vorträge: „Grenzen sprengen.“ Dazu ist im Sommer sein erstes Buch erschienen, das ein Wegweiser für junge Menschen sein soll. „Auf der Erfolgswelle schwimmen“, heißt es. Der britische Schwimm-Verband ließ Lurz einfliegen, als die Engländer ihre Spiele aufarbeiteten. Zusammen mit Bob Bowman, dem Trainer der US-Legende Michael Phelps, war der Würzburger der einzige ausländische Referent. Die Erfahrung und das Fachwissen des zehnmaligen Weltmeisters nutzt auch der Deutsche Schwimm-Verband, der den diplomierten Sozial-Pädagogen als einzigen Athleten in seine Strukturkommission berief. Lurz, der Schwimmlehrer. „Es wurde nicht langweilig“, sagt er, aber nach einem Monat fehlte ihm etwas. Also sprang er eine Woche früher als geplant ins Wasser. „Ein Karriereende stand sowieso nicht zur Debatte“, so der 33-Jährige, „aber meine Motivation hat sich verändert.“ Der immense Druck sei weg. „Ich nehme es, wie es kommt.“

Das nächste große Ziel ist die WM im Sommer in Barcelona

Erstmals wird er seit Ewigkeiten auf die Teilnahme an den deutschen Mannschaftsmeisterschaften verzichten, auch wenn diese in seiner Heimat ausgetragen werden. Stattdessen fliegt er Ende Januar zum Auftakt der Weltcup-Saison nach Brasilien und Argentinien, im Sommer strebt er bei der Weltmeisterschaft in Barcelona einen Start an. Thomas Lurz hat gelernt, seine Silbermedaille von London als Erfolg anzusehen. „Ich hätte nur einen Platz besser abschneiden können“, sagt er mit einem Lächeln, „aber sehr viele Plätze schlechter.“

Quelle: Westdeutsche Zeitung; Autor: Achim Muth