PRESSE: Wenn der Mensch zur Maschine wird

PRESSE: Wenn der Mensch zur Maschine wird

 

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Illustre Runde: Über das Thema Doping diskutierten auf Einladung des Rotary Club Würzburg (von links): Dieter Schneider, Club-Präsident Freiherr Heiner von Zobel, Sabine Bau, Thomas Lurz, Winfried Böhm und Dietrich Geuder. (Foto: Niko Natzschka)

MAINPOST / Würzburg: Eine Ärztin, ein Weltklasse-Athlet, ein Jurist und ein Pädagogik-Professor diskutierten in Würzburg über Moral. Am Ende stand die Erkenntnis: Des Dopings ist nicht Herr zu werden. Denn es ist kein Problem des Sports, sondern unserer Gesellschaft.

Vielleicht war es kein Zufall, dass sich die illustre Runde im Würzburger Spitäle zusammenfand, um über ein Phänomen zu diskutieren, das uralt ist, aber aktueller nicht sein könnte: Doping. Die heutige Kunstgalerie Spitäle ist ursprünglich eine über 500 Jahre alte Kirche, sie war einst Teil des Hospitals „Zu den 14 Nothelfern“ – und ist der Leistungssport nicht tatsächlich gerade eingewiesen worden auf die Intensivstation? Hat nicht der Fall des Radfahrers Lance Armstrong aufgezeigt, wie kriminell, verkommen und scheinheilig der Profisport geworden ist? Wie krank also ist das System?

Der Schauplatz der Erörterung schien folglich passend gewählt vom veranstaltenden Rotary Club Würzburg, die Zusammensetzung des Podiums indes überraschte. Da war zum einen Sabine Bau (43), erfolgreichste deutsche Fechterin, dekoriert mit Olympiagold im Team 1988, und heute Ärztin am Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim. Jahrelang nahm sie im Auftrag des Deutschen Fechter-Bundes Dopingproben bei Wettkämpfen, sie kennt die Problematik bestens. Dann: Thomas Lurz (32), erfolgreichster Langstreckenschwimmer der Geschichte, ein bis zu 20-mal im Jahr kontrollierter Leistungssportler der Weltklasse. Die anderen beiden Teilnehmer indes fallen einem nicht sofort ein bei der Besetzung einer Diskussionsrunde zum Thema Doping, machten aber Sinn: Leitender Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder stand für die juristische Beurteilung, während der emeritierte Pädagogik-Professor Winfried Böhm das Thema in fast schon philosophische Sphären hievte. Das bunte Quartett versprach eine frische Sicht auf ein wiederkehrendes Problem, und die rund 80 Gäste im Spitäle, sie wurden nicht enttäuscht.

Querdenker Böhm war es, der mit seinen Thesen das Thema zunächst aus der Nische des Sports befreite. Zwei davon: „Wir müssen uns von dem Gedanken befreien, Doping sei etwas Neues. Nein, es liegt vielmehr in der Natur des Menschen“, sagte der langjährige Professor der Universität Würzburg, und legte nach: „Ich halte Doping im Sport für relativ harmlos im Vergleich zum Doping in der Gesellschaft.“ Das sei viel schrecklicher, werde aber seltsamerweise nicht ansatzweise so entschieden kontrolliert wie im Sport.

Ein interessanter Ansatz, der jedoch nicht ausdiskutiert werden konnte angesichts der Zeit. Denn während sich der Leistungssportler mit seiner Teilnahme an einem Wettkampf den gleichen Regeln und gleichen Mitteln unterordnet wie sein Widersacher, gelten in der Wirtschaft, in der Politik, ja auch in der Musik andere Maßstäbe. Wenn ein Manager kokst oder Aufputschmittel braucht, um gut arbeiten zu können, wen betrügt er damit? Allenfalls sich selbst. Zieht er aber einen Kunden über den Tisch, greift die Justiz ein.

An diesem Punkt ist Würzburgs Leitender Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder im Spiel, der Doping als ein „juristisch sehr komplexes Thema“ bezeichnet. Deutschland besitzt, anders als etwa Österreich oder Spanien, bislang kein Doping-Gesetz, der nationale Sport mit seinem Anführer, IOC-Vizepräsident Thomas Bach aus Tauberbischofsheim, tut alles, um unabhängig zu bleiben. Schließlich ist der Profisport ein Milliardengeschäft, in dem die Protagonisten die Zügel gerne selbst in der Hand haben. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erhielt für Olympia 2010 in Vancouver und London 2012 allein knapp vier Milliarden US-Dollar durch den Verkauf der Fernsehrechte. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) kassiert für die Rechte an der Übertragung der Bundesliga bis 2017 rund 2,5 Milliarden Euro. Summen, die schwindlig und anfällig machen.

Geuder sprach davon, dass es für die Justiz schwierig sei, einzugreifen. Die jüngsten Dopingfälle aber hätten gezeigt, dass dort durchaus mit krimineller Energie zu Werke gegangen werde. Während sich Geuders derzeitige Chefin, Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU), seit Jahren klar für ein Doping-Gesetz ausspricht, sich damit bislang jedoch nicht durchsetzen konnte, will sich Würzburgs Leitender Oberstaatsanwalt als sozusagen ausführendes Organ aus dieser politischen Diskussion fernhalten. Es spricht aber Bände, wenn Geuder sagt, dass eine klare juristische Aufarbeitung von Doping-Fällen nicht möglich sei mit den Mitteln, die der Justiz bislang zur Verfügung stehen. Will sagen: Bislang steht bei Sportlern nur der Besitz von Dopingmitteln in nicht geringer Menge unter Strafe. Eine schwammige Formulierung im Arzneimittelgesetz, die sich, so Geuder, hauptsächlich auf den bezieht, der Handel mit illegalen Mitteln treibt.

Wieso also nicht Doping freigeben, fragte Moderator Dieter Schneider, Marketing-Experte und als Fechter in den 80er Jahren selbst Olympiateilnehmer. Bei diesem Gedanken zuckte nicht nur Sabine Bau zusammen: „Wir müssen die schützen, die es nicht selbst können: unsere Kinder und Jugendlichen. Wo systematisches Doping an ihnen hinführt, hat die DDR gezeigt.“ Nein, Doping, so Bau, dürfe nicht legalisiert werden.

Die Folgerung: „Brauchen wir den Leistungssport überhaupt?“ Diese ketzerische Frage stellte Philosoph Winfried Böhm und gab sich die Antwort gleich selbst: „Nein.“ Er stellte fest, dass das Prinzip des Sports abfärbt auf die Gesellschaft: „Nachrichtensendungen verschwinden zugunsten von Shows, in denen es darum geht, dass einer gewinnt.“ Als Beispiel führte er Heidi Klums Schönen-Casting an, in dem den Teilnehmerinnen gesagt werde: „Du musst alle anderen ausstechen, es kann nur eine Top-Model werden.“ Diese Entwicklung gehe bis in die Schulen, „das sind heute Zuchtanstalten“, so der Pädagoge. „Überall geht es um den American Dream. Darum, dass du alles erreichen kannst, wenn du nur willst. Aber das ist eine American Lie, eine Lüge.“ Zwar sei der Leistungssport an sich eine fantastische Sache, „aber eigentlich sind es doch die Sponsoren und die Medien, die ihn nur allzu gerne vermarkten“.

Der größte Dopingsünder dieser Zeit sei deshalb, so Böhm, ein Mensch wie Silvio Berlusconi, einer, „der die Gesetze bricht, ohne erwischt zu werden und dafür in Italien auch noch verehrt wird. Berlusconi ist ein Spiegel dieser Gesellschaft“, so der 75-jährige Würzburger. Zudem: „Im Breitensport wird doch genauso gedopt wie im Leistungssport.“ Eine Behauptung, die Sabine Bau durch ihre Erlebnisse als Ärztin im Klinikalltag mit belastbaren Aussagen untermauerte: „Ich sehe das fast jeden Tag. Männer mit Akne im Gesicht, die unumwunden zugeben, dass sie Anabolika schlucken.“

Aussagen und Thesen, die Thomas Lurz zu einem Plädoyer für seinen Beruf herausforderten: „Es gibt nichts Schöneres, als sich im Wettkampf zu messen. Da spielen Herkunft und sozialer Hintergrund keine Rolle.“ Die Gesellschaft könne sich kein Mehr an Bewegungsarmut leisten, sonst sei sie auf dem Weg in eine kranke Zukunft. „Sport ist wichtig für das Wohlbefinden und wird in den Schulen und in der Erziehung viel zu sehr vernachlässigt“, so der zehnmalige Schwimm-Weltmeister und Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in London. Spontaner Beifall im Spitäle. Es hätte der versöhnliche Abschluss einer interessanten und kontroversen Diskussion sein können, wenn nicht Winfried Böhm noch eine Skizze der Zukunft in den Raum geworfen hätte, die sich wie ein schwarzes Tuch über die Zuhörer legte: „Wir sehen doch nur die Spitze des Eisbergs.“ Doping sei nicht in den Griff zu bekommen, so Böhm, der neueste Trend heißt: Transhumanismus. „Der Mensch ist ein so mangelhaftes Wesen, dass er irgendwann zum Teil des Internet werden wird mit Chips im Gehirn und im Magen, die ihn steuern. Die Technik wird uns arme Säugetiere auf ein anderes Niveau heben.“ Bei diesem Gedanken fröstelte es im Saal, und Sabine Bau vermochte dann auch nicht mehr richtig zu wärmen: „Genießen wir die Zustände heute, bald werden die Sportler durch Genmanipulation gezüchtet werden.“

Vielleicht könnten die 14 Nothelfer noch etwas retten. Doch im Spitäle betet schon lange keiner mehr.

Autor: Achim Muth
Quelle: www.mainpost.de