SCHWIMMEN-WM: Thomas Lurz – Der Beständige

SCHWIMMEN-WM: Thomas Lurz – Der Beständige

Freiwasserschwimmer Thomas Lurz über den Lauf der Zeit, Erinnerungen an Barcelona und Michael Phelps

Lurz_40844816_onlineBild-300x225Der Würzburger Thomas Lurz (33) ist der erfolgreichste Freiwasserschwimmer der Welt. Der Sportler vom SV 05 Würzburg gewann zehn Weltmeister-Titel und zudem Medaillen bei Olympia 2008 in Peking (Bronze) und 2012 in London (Silber). Er lebt in seinem Heimatort Gerbrunn (Lkr. Würzburg) und ist liiert mit der Physiotherapeutin Annette Baumann, die zum Betreuerteam der Freiwasser-Nationalmannschaft bei der WM in Barcelona zählt. Vor seinem ersten Start in der katalanischen Metropole schwelgt Thomas Lurz im Gespräch mit dieser Zeitung in Erinnerungen.

Vor zehn Jahren fand die WM schon einmal in Barcelona statt. Damals schwammen Sie im Becken. Welche Erinnerungen haben Sie?
Thomas Lurz: Ich wollte damals sowohl im Becken als auch im Freiwasser schwimmen, für das ich auch qualifiziert war. Der damalige Sportdirektor Ralf Beckmann aber hat das nicht genehmigt. Ich sollte mich entscheiden. Mein Traum war immer Olympia, deshalb habe ich mich für die 1500 m im Becken entschieden, Freiwasserschwimmen war ja noch nicht olympisch.

Wenn Sie auf diese zehn Jahre zurückblicken, was kommt Ihnen spontan in den Sinn?
Lurz: Vieles. Der Tod meines Vaters, drei Olympia-Teilnahmen, Trainerwechsel, WM-Titel. Das Training: In dieser Zeit bin ich rund 34 000 Kilometer geschwommen. Noch zwei Jahre, dann hätte ich einmal die Erde umrundet. Ich darf gar nicht daran denken. Es war eine bewegte Zeit. 2004 bei Olympia in Athen habe ich die Siegerehrungen von Ian Thorpe oder Michael Phelps, dessen Stern ja damals richtig aufging, verfolgt und mir gedacht: 'Wahnsinn.' Ich habe mir nie vorstellen können, bei einer olympischen Siegerehrung mal selbst auf dem Treppchen zu stehen. Und heute habe ich es sogar zweimal geschafft. Daran sieht man: Es kommt im Leben oft anders als man denkt – im Guten, aber leider halt auch im Negativen. Der Tod meines Vaters 2007 war schon ein Schock.

underwaterWie vergingen diese zehn Jahre für Sie: langsam oder schnell?
Lurz: Zehn Jahre hört sich nach einem brutal langen Zeitraum an. Aber im Rhythmus des Sports sind sie extrem schnell vergangenen. Man lebt als Sportler immer von Höhepunkt zu Höhepunkt. Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Stockbauer, Keller, Rupprath, van Almsick, ich bin ja als einziger noch dabei. Sogar noch vorne dabei. Einmal zu den Besten zu gehören, das geht. Aber so lange dabei zu sein, das ist verdammt schwer. Es gibt kaum einen Schwimmer, der in diesem Zeitraum so beständig war wie ich.

Welche speziellen Erinnerungen haben Sie an Barcelona?
Lurz: Ich war 1992 dort als Kind mit meinem Vater als Zuschauer und habe den Olympiasieg von Keirin Perkins über 1500 m im Stadion erlebt. Das war ein super Erlebnis. Auch die WM 2003 bot Glanzstunden des Schwimmsports. Ich erinnere mich an die Gänsehaut-Atmosphäre, als der große Alexander Popow nochmal die 100 m Freistil gewann. Oder Hannah Stockbauer, mit der ich jahrelang trainiert habe und die damals drei Titel gewann. Am meisten beeindruckt aber war ich immer von Michael Phelps, dessen einzigartige Karriere ich ja hautnah verfolgen konnte.

Der beste Beckenschwimmer und der beste Freiwasserschwimmer, haben die sich je näher kennengelernt?
Lurz: Nein, leider nicht. Phelps ist immer wahnsinnig umlagert gewesen, und ich war ja nun kein Groupie. Es hat sich nie ergeben.

„Einmal zu den Besten zu gehören, das geht.
Aber so lange dabei zu sein, das ist verdammt schwer.“
Thomas Lurz

Was hätte Thomas Lurz von Michael Phelps lernen können?
Lurz: Er hatte ein natürliches Talent, das kann man leider nicht lernen. Ich denke, wir sind beide sehr ehrgeizige Typen.

Ein Rennen über, sagen wir 1000 m, wer von euch würde das gewinnen?
Lurz: Mit Sicherheit Phelps. Auch über 1500 m glaube ich nicht, dass ich eine Chance gehabt hätte. Ich bin sicher, Phelps hätte in jeder Disziplin im Becken gesiegt, er ist aufgrund des dichten Programms nur nicht alles geschwommen. Aber ein Vergleich im Freiwasser wäre spannend geworden.

2003 gewann ihr Würzburger Teamkollege Christian Hein Silber über fünf Kilometer . . .
Lurz: Richtig, wir waren damals eine starke Trainingsgruppe, haben uns täglich gefordert. Das ist schließlich der einzige Weg, der einen nach vorne bringt: Training.

Sie schieden damals im Vorlauf über 1500 m aus und entschieden sich nach dem gleichen Ergebnis bei Olympia 2004 dann endgültig für den Freiwassersport. Am Samstag starten Sie über fünf Kilometer. Auf dieser Strecke haben Sie zuletzt siebenmal in Folge den WM-Titel gewonnen.
Lurz: Ja, da bin ich schon etwas stolz drauf, so eine Serie gibt es ja nicht in so vielen Sportarten. Aber ich setze mich deshalb nicht unter Druck. Ich werde wieder mehr als 100 Prozent geben und werde am Ende auch ein Quäntchen Glück brauchen.

Id09dcc8a25-200x300hr weiteres Barcelona-Programm?
Lurz: Ich werde auf jeden Fall noch die zehn Kilometer schwimmen. Gemeldet bin ich auch für die 25 Kilometer, die ich aber noch nie geschwommen bin. Das wäre mal ein neuer Reiz. Die Startentscheidung fälle ich je nach dem, wie die anderen Rennen gelaufen sind und wie ich mich kräftemäßig fühle.

Sie arbeiten mittlerweile als Sportbotschafter für s. Oliver, halten Vorträge. Ist dennoch eine Olympiateilnahme in Rio 2016 bei Ihnen noch im Hinterkopf?
Lurz: Nein, daran denke ich überhaupt nicht. Ich will nächstes Jahr bei der Heim-EM in Berlin starten. Alles Weitere wird man sehen.

Wo wird Thomas Lurz in zehn Jahren stehen?
Lurz: Gute Frage. Ich hoffe, dass ich gesund bin und eine Familie gegründet haben werde. Beruflicher Erfolg wäre auch schön. Dem Sport und meinem Heimatverein SV 05 Würzburg werde ich sicher auch in irgendeiner Funktion erhalten bleiben, sie haben mir so viel gegeben.
 
Das Gespräch führte Achim Muth

Quelle: www.mainpost.de