PRESSE: Die Vollendung – Thomas Lurz schreibt in Barcelona Sport-Geschichte

PRESSE: Die Vollendung – Thomas Lurz schreibt in Barcelona Sport-Geschichte

Mit Gold über 25 Kilometer, der vierten Medaille im vierten WM-Wettbewerb, schreibt der 33-jährige Würzburger Langstreckenschwimmer in Barcelona Sport-Geschichte

Für Thomas Lurz war dieser Tag schlicht: einmalig. Im doppelten Sinn. Mit dem Sieg im 25-Kilometer-Rennen bei der Weltmeisterschaft in Barcelona schrieb der 33-Jährige vom SV 05 Würzburg nicht weniger als ein neues Kapitel Schwimmsport-Geschichte. Noch nie war es vorher einem Freiwasserathleten gelungen, in vier Starts vier Medaillen zu gewinnen. Insofern war dieses hart erkämpfte Gold im Hafen Moll de la Fusta für Lurz auch eine Form der Vollendung: Es gibt in seiner Sportart nun keinen Titel mehr bei Weltmeisterschaften, den er nicht errungen hätte. Doch es war ein Triumph voller Schmerzen, und so reifte bei dem Würzburger schon früh im Rennen die Erkenntnis, dass dieses Abenteuer sein erstes und gleichzeitig letztes Rennen auf dieser Strecke gewesen sein wird.

Das Fernsehen zeigte zwar einen lächelnden Lurz mit Medaille und auch, wie er mit einem Gläschen Sekt über den Dächern der Stadt mit Silbergewinnerin Angela Mauerer anstieß. Ein Schein für die Öffentlichkeit. In seinem Hotelzimmer musste sich Lurz mehrmals übergeben, seine Arme konnte er kaum noch bewegen – Quittung für die Strapazen. „Das war eine grenzwertige Erfahrung, das muss ich nicht mehr haben“, sagte er erschöpft am Telefon.

Und dann dieser Salzwassergeschmack. Knapp fünf Stunden kraulten die Schwimmer durchs Meer, „zwischen Kilometer zehn und 20 war mir richtig schlecht“, sagte der nun zwölfmalige Weltmeister. Aber vor allem ein Faktor kam ihm zugute: seine Erfahrung. Lurz blieb seiner Taktik, niemals Tempo zu machen, auch treu, als in einer Frühphase des Rennens einigen im Wasser die Gäule durchgingen. In der dritten von zehn 2,5-Kilometer-Runden verlor Lurz beispielsweise auf den Zehn-Kilometer-Weltmeister Spyridon Gianniotis über 15 Sekunden. Der Grieche hatte da eine Lücke zum führenden Franzosen Axel Reymond zugeschwommen. Lurz behielt die Ruhe und profitierte letztlich davon, dass die Konkurrenz ihre Kräfte verpulvert hatte, als es auf die finale 400 Meter lange Gerade ging. Denn das ist das Entscheidende in einem Schwimm-Marathon: Die Athleten pflügen 25 000 Meter durchs Wasser, aber letztlich reduziert sich alles auf diesen einen Moment des Anschlags. In diesem war Thomas Lurz hellwach. 70 Meter vor dem Ziel hatte er sich leicht abgesetzt und routiniert diesen minimalen Vorsprung verteidigt. Ein perfekter Handschlag nach vorne ans Brett, und die Uhr blieb bei 4:47:27,0 Stunden für ihn stehen – durchschnittlich kraulte der Nullfünfer damit jeden der 250 Abschnitte über 100 m in nur knapp über einer Minute.

Das mittlerweile hohe Niveau auf der exotischen Marathonstrecke wurde zwei anderen Würzburgern indes zum Verhängnis: Svenja Zihsler vom SV 05 und der für Wiesbaden startende Christian Reichert wurden in der Mitte des Rennes völlig erschöpft aus dem Wasser gezogen, sie mussten aufgeben. Vier Zehntel hinter Lurz schlug der Belgier Brian Ryckeman als Zweiter an, Bronze ging an den Russen Evgeni Drattsev.

19-mal verpflegte sich der Deutsche während des Rennes, meist schluckte er Elektrolytgetränke, aß ein Stückchen Banane. „Ab Kilometer 20 habe ich nur noch Cola getrunken“, erzählte Thomas Lurz, der zugibt, dass er sich nur für diese WM zu solch einem Akt motivieren konnte. Einmal auf der ganz langen Kante triumphieren, das war der Antrieb. Am Ende war es „ein perfekter Tag“. Innerhalb von einer Woche bei vier kräftezehrenden Langstreckenrennen eine Medaille zu gewinnen, für Lurz war es eine Frage des Willens. „Ich bin allein in diesem Jahr über 15-mal unangemeldet im Training kontrolliert worden“, sagte Lurz. In Barcelona hat ihn die Anti-Doping-Kommission zu vier Urin- und drei Blutkontrollen gebeten.

Henning Lambertz, Bundestrainer der Beckenschwimmer, verneigte sich verbal: „Unfassbar. Superlative gibt's bei Thomas nicht mehr. Ein irrer Kerl, was er im hohen Alter noch macht.“ Frei nach Ernest Hemingways Novelle: Der alte Mann und das Mehr. Auch Christa Thiel, Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes, war voll des Lobs über den Würzburger. Schon vor Tagen hatte sie ihm nach seiner Karriere eine Funktion im DSV angeboten. „Ich habe das auch gelesen“, sagte Lurz, „ich könnte mir das sogar gut vorstellen. Ich war ja immer einer, der auch über den Tellerrand des Sports hinaus geblickt hat. Ich halte das für wichtig“.

Seit einem halben Jahr arbeitet der Rekord-Weltmeister als Sportbotschafter des Modekonzerns s.Oliver, bereits am Dienstag wird er in dieser Funktion eine Veranstaltung im Würzburger Wolfgang-Adami-Bad leiten. Zudem ist der Schwimmer mit seinen Vorträgen ein gefragter Mann bei Seminaren von Führungskräften. So entsprach er nur allzu gerne der Bitte von Lambertz, den Beckenschwimmern zur Einstimmung auf ihre Wettkämpfe ein paar seiner Erfahrungen mitzugeben. „Meine Botschaft dreht sich um Wille und Kampfgeist“, sagt er, „Oussama Mellouli ist ein viel talentierterer Schwimmer als ich. Gewonnen hat er deshalb noch lange nicht. Du musst bereit sein, in einem Wettkampf alles zu geben. Du musst selbstbewusst sein, du darfst keine Angst haben. Wenn du dein Bestes gibst und ein anderer gewinnt, hast du dir nichts vorzuwerfen“.

Das Rennen war noch nicht lange vorbei, da stand Stefan Lurz, der Bundestrainer, im Zielbereich im Hafen von Barcelona. Mitleid. Angst. Das waren die Gefühle, die er während des Rennens vom Ufer aus für seinen Bruder empfand. Hinterher war er einfach froh, dass er es geschafft hatte. „Thomas ist der vorbildlichste Sportler, den ich kenne“, sagte er. Und der Titel? „Wissen Sie was, ob er Zehnter wird oder Erster, an dieser Einschätzung ändert das gar nichts mehr.“

 
Quelle MAINPOST (Redakteur Achim Muth)