INTERVIEW: „Vom Naturell her bin ich sehr ehrgeizig“ – Lurz im FN-Exklusiv-Interview

INTERVIEW: „Vom Naturell her bin ich sehr ehrgeizig“ – Lurz im FN-Exklusiv-Interview

Bis zu 3500 Kilometer trainiert er im Jahr, vor großen Wettkämpfen pro Woche weit mehr als 100 Kilometer. Er gilt als ehrgeizig und zielstrebig, stets auf der Suche nach neuen sportlichen Herausforderungen. Die Rede ist von Thomas Lurz. Der Würzburger, weltbester Freiwasserschwimmer, hat zuletzt bei der WM in Barcelona so richtig abgesahnt: Zweimal Gold, je einmal Silber und Bronze. Im FN-Interview äußert sich der 33-Jährige zu seinen weiteren Ambitionen, zum Debakel der deutschen Beckenschwimmer und zum Thema Doping.

Thomas Lurz WM Medaillen Barcelona 2013
Kompletter Medaillensatz plus eine Goldene: Thomas Lurz scheffelte bei der WM in Barcelona viermal Edelmetall und untermauerte damit seinen Ruf, weltbester Freiwasserschwimmer zu sein. Im FN-Exklusiv-Interview äußert sich der 33-Jährige zu seinen eigenen Ambitionen, dem enttäuschenden Abschneiden der Beckenschwimmer sowie zum Thema Doping.

Herr Lurz, ist es mit einem Freiwasserschwimmer wie mit einer guten Flasche Wein - je älter desto besser?
Lurz: Ja, weil man im Ausdauersport von der Erfahrung, die man ab einem gewissen Alter hat, unheimlich profitieren kann.

Wie erklären Sie sich Ihre Leistungsexplosion bei der WM?
Lurz: Bei Weltmeisterschaften war ich schon immer ganz gut, habe meine Medaillen gewonnen. Seit 2004 habe ich stets mindestens eine Goldmedaille gewonnen habe. Trotz allem war dies eine Spitzen-WM.

Waren diese vier Medaillen zu erwarten?
Lurz: Auf keinen Fall. Im Teamwettbewerb habe ich gedacht, dass es schwer würde, eine Medaille zu gewinnen; dass es Gold wurde, war total überraschend. Und über 25 km war ich Neuling, da war der Erfolg kaum zu erwarten.

Wie ist der Sieg über 25 km zu erklären vor dem Hintergrund, dass Sie angeschlagen an den Start gegangen sind?
Lurz: Das ist eine extrem lange Strecke, die ich aber mal schwimmen wollte. Bei WM stellt dies eine Riesenmotivation dar. Ich hatte mir die Taktik vorgegeben, nie das Tempo zu machen. Denn dadurch spart man viel Kraft. Bis 24,5 km gab es immer jemand, der das Tempo machte. Hiervon habe ich im Finish profitiert, weil viele Gegner müde waren.

Demnach war dies Ihre erste 25-km-Distanz überhaupt?
Lurz: Ja. Ich bin bei Weltcups mehrfach 15 km geschwommen, all diese Rennen habe ich gewonnen. Dies waren zwar nochmals 10 km mehr, aber taktisch laufen beide Strecken ähnlich ab.

Waren Sie in der Form Ihres Lebens?
Lurz: Sicher in einer sehr guten Form. Aber zum Beispiel 2009 hatte ich kein Rennen verloren und wurde in Rom bei zwei Starts zweimal Weltmeister mit zwei Starts in Rom. Das war auch sehr gut.

Wie sehr schwirrt Ihnen derzeit die Teilnahme an Olympia 2016 im Hinterkopf?
Lurz: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Jetzt denke ich bis zur EM 2014 in Berlin. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Schwimmen ist nicht wie Fußball, man muss auf die berufliche Karriere blicken. Dies sollte mit im Fokus stehen.

tl_mm_09

Aber einen Start in Rio schließen Sie nicht kategorisch aus?
Lurz: Er ist nicht ausgeschlossen, aber bis jetzt auch noch nicht geplant.

Wie schaffen Sie es, bei Großereignissen stets topfit zu sein und sich immer aufs Neue zu motivieren?
Lurz: Die Erfahrung ist ein Vorteil, weil man sich schon oft auf große Wettkämpfe vorbereitet hat. Zum anderen motiviere ich mich durch Ziele, die ich mir stecke. Wenn ich zur WM fahre, will ich so gut wie möglich abschneiden; Minimum sind Medaillen. Das ist ein hartes Stück Arbeit. Was ich mache, will ich richtig machen. Zudem bin ich vom Naturell her sehr ehrgeizig. Ich denke, wenn ich im Oktober mit dem Training anfange, schon an den nächsten Sommer mit dem Höhepunkt.

Sie gehören zu den Sportlern, die beim Training keine Rücksicht auf Feiertage nehmen. Ist das jene Einstellung, die anderen fehlt, um Kontakt zur Weltspitze zu halten?
Lurz: Grundsätzlich muss man so eine Einstellung haben, um im Leistungssport heutzutage erfolgreich und bei einer WM der Beste zu sein. Es wird immer professioneller.

Wie erklären Sie sich das enttäuschende WM-Abschneiden der Beckenschwimmer?
Lurz: Ich weiß nicht, wie sie trainiert haben. Man muss sich aber fragen, warum nicht die guten Zeiten von den Deutschen Meisterschaften bei der WM geschwommen wurden. Woran liegt das? Bei den jungen Sportlern, die das erste Mal dabei sind, sehe ich das weniger als Problem. Aber bei Älteren sollte es irgendwann schon einmal funktionieren.

Wo wurden Fehler gemacht?
Lurz: Es wird zu wenig trainiert. In der Jugend wurden manchmal bei guten Schwimmern zu wenig die Grundlagen geschaffen, die man ab einem gewissen Alter nicht mehr nachholen kann. Intensives und hartes Training, das war und ist manchmal das Defizit.

Wird die Zeit reichen, um bis zu Olympia 2016 wieder in die Spur zu kommen?
Lurz: Wir sind mit Bundestrainer Henning Lamberts ganz gut aufgestellt und müssen schauen, wie sich das entwickelt. Es ist möglich, wird aber nicht einfach.

Ist der DSV im Nachwuchsbereich gut aufgestellt?
Lurz: Wenn man die Ergebnisse bei Jugend-Europameisterschaften anschaut, ist Deutschland im Medaillenspiegel immer vorn. Wir müssen es schaffen, die Jugend erfolgreich in die offene Klasse zu führen. Denn es gibt Talente.

Sehen Sie auch Fehler bei den Funktionären?
Lurz: Was das Sportsystem in Deutschland angeht, können wir uns nicht mit den USA oder China vergleichen, wo es mit Unis oder Colleges andere Möglichkeiten gibt. Es ist hier nicht einfach, Schule/Studium und Leistungssport zu kombinieren. Letztlich muss aber jeder selbst trainieren, um Erfolg zu haben.

Wäre es hilfreich, wenn sich ehemalige Aktive aktiv einbringen würden?
Lurz: Es ist eine gute Idee, ehemalige Sportler stärker zu integrieren. Davon könnten alle profitieren. Diese Idee habe ich auch schon vorgebracht, denn das ist mir wichtig.

Wie sieht es da bei Ihnen aus?
Lurz: Mir ist wichtig, etwas zurückzugeben. Hierzu muss man als ehemaliger Aktiver bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, um mitzuhelfen, den Verband und den Nachwuchs nach vorn zu bringen.

Was war Ihre erste Reaktion als Sie erfahren haben, dass früher auch im Westen mit Unterstützung staatlicher Gelder systematisch gedopt worden sein soll?
Lurz: Doping gehört nicht in den Leistungssport. Es macht den Sport kaputt. So was darf nicht sein.

Ist der Schwimmsport sauber?
Lurz: Ich glaube, dass der Schwimmsport im Großen und Ganzen sehr sauber ist. Bei so einer WM werden seit Jahren Urin und Blut kontrolliert, eigentlich nie mit positiven Ergebnissen.

Welche Maßnahmen erwarten Sie als Aktiver?
Lurz: Man muss das Thema aktiv angehen. Auf der anderen Seite ist für mich Deutschland ganz vorn mit dabei, was Dopingkontrollen und Sauberkeit angeht. Das sehe ich daran, wie oft ich unangekündigt kontrolliert werde, nämlich bis zu 25 mal allein von der Nada.

Thomas Lurz - Sportbotschafter bei s.Oliver
Thomas Lurz: Der Rekord-Weltmeister im Langstreckenschwimmen arbeitet als Sportbotschafter für das Rottendorfer Modeunternehmen.Foto: Norbert Schwarzott

Neben dem Schwimmsport bauen Sie sich beruflich ein zweites Standbein auf. Wie sieht das aus?
Lurz: Seit Januar bin ich bei s.Oliver Sportbotschafter in der Personalabteilung und versuche, Führungskräfte in Vorträgen zu motivieren. Parallel dazu zeige ich, welche Synergien man aus dem Leistungssport übertragen kann. Zum anderen bietet das Unternehmen für die Mitarbeiter ein Sportprogramm an, wobei als Trainer fungiere.

Was macht Ihr Traum, ein Fastfood-Restaurant zu betreiben?
Lurz: Der ist durchaus noch aktuell.

Worin liegt für Sie der Reiz, das Freiwasserschwimmen bis ins "hohe Alter" zu betreiben?
Lurz: Ganz wichtig ist, dass man das noch erfolgreich betreiben kann. Ich würde nicht mehr an einer WM teilnehmen, um einfach nur dabei zu sei. Jedes Rennen ist anders, man kann viel durch die große Erfahrung profitieren.

Macht Sie der Erfolg im positiven Sinne süchtig?
Lurz: Durchaus. Gewinnen macht viel Freude, Training bereitet nicht immer unbedingt Spaß.

Haben Sie noch Ziele?
Lurz: Ich habe bei Weltmeisterschaften alle Events gewinnen können, die es gibt. Das kann ich "abhaken". Nächstes Jahr ist die EM. Es ist mein Bestreben, auch da ganz vorn mit anzukommen.

Sind Sie mit Ihrer bisherigen Laufbahn zufrieden?
Lurz: Ja, sehr. Auch wenn die olympische Goldmedaille das ist, was noch fehlt.

© Fränkische Nachrichten, Samstag, 10.08.2013

FN-Interview Thomas Lurz: Vom Naturell her bin ich sehr ehrgeizig", 784 KB

 

 

Von unserem Redaktionsmitglied Klaus T. Mende