PERSÖNLICH: Ein neues Leben beginnt – Thomas und seine Annette werden Eltern

PERSÖNLICH: Ein neues Leben beginnt – Thomas und seine Annette werden Eltern

Thomas Lurz & Annette Baumann werden im Frühjahr 2014 Eltern (Foto: Thomas Obermeier)MAINPOST – Zusammen mit seiner Lebensgefährtin spricht der Schwimm-Weltmeister über das Elternwerden, aber auch über seine sportliche und berufliche Zukunft: „Ich will mich nicht irgendwann fragen müssen: ,Was mache ich jetzt?'“

Für den Schwimmer Thomas Lurz war 2013 eines seiner erfolgreichsten Jahre: Bei der Weltmeisterschaft in Barcelona holte er im Freiwasser zwei Goldmedaillen, gewann dazu noch Silber und Bronze. Mit nun zwölf WM-Titeln ist er Rekordweltmeister seiner Sportart. Dazu sicherte Lurz auch den Gesamt-Weltcup über zehn Kilometer. Beruflich beschritt er neue Wege, kümmert sich beim Rottendorfer Modekonzern s. Oliver als Sportbotschafter um firmeninterne Sportangebote und hält Vorträge. 2014 wird für den 34-Jährigen vom SV 05 Würzburg vor allem einen Höhepunkt beinhalten: Er wird erstmals Vater. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Annette Baumann (30) spricht der erfolgreiche Sportler über Veränderungen im Leben wie im Sport und wagt einen Ausblick auf seine Karriere.

Frage: Mama Annette und Papa Thomas, wie hört sich das an?
Annette Baumann: Wir mussten uns schon erst an den Gedanken gewöhnen. Ein Kind zu bekommen, verändert das Leben. Doch jetzt ist eine große Freude da, im Januar werden Thomas und ich auch in eine größere Wohnung ziehen. Insgesamt empfinde ich das Mutterwerden als eine Bereicherung.

Wisst ihr schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?
Thomas Lurz: Es wird ein Junge. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist, dass das Kind gesund ist. Ende April ist es soweit.

Passt die Vaterrolle überhaupt ins Profil eines Leistungssportlers?
Lurz: Ja, auf jeden Fall. Ich kenne viele Leistungssportler, die ebenfalls Vater sind und erfolgreich sind. Ich bin jetzt 34 Jahre alt und glaube, dass ich mich grundsätzlich in einer Phase der Veränderung befinde. Wann ich mit dem Leistungssport aufhöre, habe ich allerdings noch nicht entschieden.

Haben Sie sich schon auf einen Namen geeinigt?
Lurz: Thomas jr. finde ich schön (lacht).
Baumann: Gedanken haben wir uns schon gemacht, aber das Ergebnis wird noch nicht verraten.

Thomas, bei all den Entbehrungen, die Sie für den Sport bringen mussten, würden Sie Ihren Sohn dabei unterstützen, wenn er Schwimmer werden möchte?
Lurz: Ich werde ihn bei allem, was er sportlich machen möchte, hundertprozentig unterstützen. Ich finde es wichtig, Sport zu treiben. Gerade in einem Verein fördert das die Sozialkompetenz. Wenn er Lust hätte zum Schwimmen, gerne. Es muss aber nicht sein.

Annette, wie ist das, mit einem Leistungssportler zusammenzuleben, der extrem auf das Training und den Wettkampf fokussiert ist?
Baumann: Man muss auf jeden Fall sehr tolerant sein. Mir war ja vorher klar, was das bedeutet: Bei Thomas steht der Sport absolut im Vordergrund. Er wird auch weiterhin sehr viel unterwegs sein, das geht nicht anders. Wenn einem das bewusst ist, kommt man gut damit zurecht.

Sie waren als Physiotherapeutin oft bei der Schwimm-Nationalmannschaft im Einsatz. Ist Thomas noch zielstrebiger als andere?
Baumann: Das kann man ganz bestimmt so sagen. Er ist sehr gerade, ehrgeizig, zielstrebig, auf der anderen Seite auch genau, hat klare Vorstellungen, es gibt bei ihm keine Missverständnisse. Bei allem, was seinen Sport betrifft, ist Thomas nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Was die wenige gemeinsame freie Zeit angeht, habe ich gelernt, ihn nicht immer zu fragen, sondern einfach für uns beide etwas auszumachen.
Lurz: Ich bin durch das Schwimmen eben ständig unterwegs, habe alle Kontinente bereist, war in sehr vielen Ländern, da bin ich einfach froh, wenn ich mal zu Hause sein kann.

Thomas Lurz (Fotograf: Benjamin Krohn)Thomas, 2013 war für Sie sehr intensiv: Sie gewannen zwei WM-Titel, dazu den Gesamtweltcup. Welchen Stellenwert besitzt dieses Jahr?
Lurz: 2013 hat mich gelehrt, dass ich noch mithalten kann und dass meine Erfahrung manchmal der entscheidende Punkt im Wettkampf ist. Genauso wichtig aber war für mich, dass ich mir berufliche Optionen erschließen konnte. Durch meinen Einstieg als Sportbotschafter bei s. Oliver habe ich wertvolle Einblicke in ein erfolgreiches Unternehmen gewonnen. Ich bin dabei, zu lernen, wie Prozesse ablaufen. Es ist als Sportler nie verkehrt, über den Tellerrand zu schauen. Viele Leistungssportler denken zu kurzfristig: Ein ehrgeiziger Mensch braucht auch nach dem Sport eine Herausforderung.

Gibt es etwas, was der deutsche Schwimmsport von der Arbeit beim SV 05 Würzburg lernen kann?
Lurz: Ich denke, wir machen in Würzburg eine sehr gute Arbeit. Nicht umsonst kommt eine Olympiasiegerin aus Ungarn hierher, um zu trainieren. Es herrscht ein Niveau, von dem der Deutsche Schwimm-Verband sicher das ein oder andere abschauen kann. Hier passt das Umfeld mit der Fitnessabteilung, dazu haben wir eine super Kooperation mit dem Deutschhaus-Gymnasium.

Aber trotzdem . . .
Lurz: . . . musst du immer noch viel trainieren, richtig. Das machen wir in Deutschland zu wenig. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass den Trainern die Leidenschaft fehlt. Der Aufwand für einen Schwimmer ist so hoch, ohne gute Trainer ist das nicht möglich. Das fängt im Jugendbereich an, hier wird das Fundament gelegt. Wenn du als Jugendlicher mit 12, 13, 14 Jahren nicht lernst, was es heißt, Leistungssport zu betreiben und selbstverständlich vor der Schule zu trainieren, dann kann das nie mehr aufgeholt werden. Im deutschen Schwimmsport wird mir zu viel analysiert und zu wenig trainiert.

Im kommenden Jahr wird im August die EM in Berlin der sportliche Höhepunkt?
Lurz: Richtig. Leider werden die Freiwasserwettkämpfe nicht mitten in Berlin stattfinden, was toll gewesen wäre, sondern weit außerhalb. Ich hatte mich dem Verband sogar angeboten mitzuhelfen, damit wir eine attraktive Wettkampfstrecke finden. Wir müssen unseren Sport doch dort präsentieren, wo die Menschen sind. Olympia in London hat das bewiesen, da waren Zehntausende im Hyde Park dabei. Deutschland ist weltweit die Freiwasser-Nation Nummer eins, aber wir haben es geschafft, bei einer Heim-EM die Rennen in einen Vorort zu verlegen. Da kommen höchstens ein paar Wölfe vorbei. Schade.

Nächstes Jahr werden Sie sich auch entscheiden müssen, ob Sie die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro in Angriff nehmen. Es wären Ihre vierten Spiele.
Lurz: Das stimmt, denn 2015 ist schon die Qualifikation für Rio. Vorrang hat aber meine berufliche Entwicklung und ich bin dankbar, dass mich s. Oliver da sehr unterstützt. Dort werde ich meine Tätigkeiten als Sportbotschafter ausbauen. Es wird eine Gesundheitsroadshow geben, die Firmenolympiade wird weitergeführt, ich halte an verschiedenen Standorten Vorträge über Bewegung, Ernährung, Motivation. Ich will mir Know-how aufbauen und nicht als Sportler mit 36 Jahren plötzlich vor einem Karriereende stehen und mich fragen müssen: Was mache ich jetzt?

Fühlen Sie sich körperlich noch konkurrenzfähig?
Lurz: Ja, das zeigen auch die Ergebnisse. Mein Vorteil ist, dass ich eine Basis habe, ich habe das Training nie schleifen lassen. Wenn ich erst Vater bin, vielleicht kommt dann zum Ehrgeiz auch noch ein Schuss Lockerheit dazu. Das könnte nicht schaden.

Annette, eine erneute Olympiasaison würde Thomas zusätzlich belasten.
Baumann: Das hieße noch einmal mehr Druck, noch einmal mehr Verzicht, klar. Aber wenn er Rio angehen möchte, würde ich dahinter stehen.

Wird dieses Weihnachten anders durch die Gewissheit, Eltern zu werden?
Lurz: Weihnachten mit Kindern wird sicher anders. In diesem Jahr wird sich noch nicht viel ändern: An Heiligabend gehe ich um 8 Uhr zum Schwimmtraining ins Adami-Bad, und mittags steht dann noch eine Kraft- oder Laufeinheit auf dem Programm.
Annette: Das unterscheidet uns. Ich mache zwar auch gerne Sport, aber nur zum Spaß und sicher nicht am Heiligen Abend.

von Achim Muth / MAINPOST