SCHWIMMEN-WM: Freiwasserschwimmer Lurz – "Die Anerkennung für uns nimmt zu"

SCHWIMMEN-WM: Freiwasserschwimmer Lurz – "Die Anerkennung für uns nimmt zu"

Thomas Lurz ist zehnfacher Weltmeister, bei den Olympischen Spielen in London schaffte er es als einziger deutscher Schwimmer aufs Podest. Im Interview spricht der 33-Jährige über die Bedingungen der bevorstehenden WM in Barcelona, seine Zukunftspläne - und den Traum vom olympischen Gold.

dsc9497Herr Lurz, als Freiwasserschwimmer haben Sie vom offenen Meer bis hin zum Ententeich schon alle möglichen Gewässer durchkreuzt. Was erwarten Sie von den WM-Rennen in Barcelona (19. Juli bis 4. August - d. Red.)?
Lurz: Für unsere Sportart ist es sehr gut, weil der Kurs dort ziemlich nah an der Stadt liegt und viele Zuschauer ermöglicht. Ansonsten werden es Rennen sein wie alle anderen auch. In Häfen schwimmen wir ja häufiger mal. Es wird nicht so wellig werden, denk ich.

In den vergangenen Jahren hatte man oft das Gefühl, dass die Freiwasserschwimmer im Vergleich zu den Beckenspezialisten vom Weltverband Fina als Sportler zweiter Klasse behandelt wurden. Hat sich die Lage für Sie grundsätzlich verbessert?
Lurz: Bei den Olympischen Spielen in London hatten wir über 60.000 Zuschauer, was für unseren Sport natürlich spitze war. Und ich denke schon, dass uns die Spiele in Peking und London, wo wir dabei waren, enorm geholfen haben. Sportler zweiter Klasse würde ich nicht mehr unbedingt sagen. Es sind halt einfach weniger Strecken, die bei uns olympisch sind - das ist ein großer Unterschied. Aber im Großen und Ganzen nimmt die Anerkennung für uns schon immer mehr zu.

Nach Ihrer Silbermedaille in London machten Sie nicht den Eindruck, als würden Sie für das ersehnte Olympia-Gold gleich locker für die nächsten vier Jahre planen. Sie klangen eher zurückhaltend. Sind Sie in dieser Frage inzwischen vorangekommen?
Lurz: Ich hab immer gesagt: Ich schwimm auf jeden Fall bis 2014 - und danach muss man weiterschauen. Ich hab mir jetzt noch nicht fest vorgenommen, bis Rio 2016 zu schwimmen.

Dass 2016 nicht mehr wie in London in einem Park, sondern im Meer geschwommen wird - beeinflusst das Ihre Entscheidung?
Lurz: Es kommt immer darauf an, gegen wen man schwimmt. Im Meer gibt's wieder Schwimmer, die da einen Tick besser sind als ich. Ich denke, ich bin ein ganz guter Allrounder. Ich komm eigentlich mit allem relativ gut zurecht. Ob kalt, ob warm, ob wellig, ob flach. In welchem Gewässer man schwimmt, kann kein entscheidender Grund sein.

Sie sind zehnfacher Weltmeister, bei Olympia aber zweimal knapp an Gold vorbeigekrault. Welchen Stellenwert haben die fünf Ringe generell für Sie?
Lurz: Es ist außergewöhnlich gut, Weltmeister zu werden - es ist der Hammer. Aber dazu hat man alle zwei Jahre die Möglichkeit. Olympische Spiele sind etwas Besonderes - weil man nur alle vier Jahre die Chance hat, da was zu gewinnen. Bei Olympia kommen so viele Faktoren zusammen: Das größte Sportevent der Welt, viel Tradition, viel Kultur - das macht es extrem. Aber ich muss eben auch schauen, dass ich beruflich später mal alles unter einen Hut bringe.

Thomas Lurz - Sportbotschafter bei s.OliverSeit Januar arbeiten Sie, parallel zu Ihrem Sport, bei einem unterfränkischen Bekleidungshersteller in der Personalentwicklung.
Lurz: Dabei geht es darum, sein Wissen aus dem Leistungssport zu nutzen und auf ein großes Unternehmen zu übertragen. Für mich ist das eine tolle Option, mir schon während der sportlichen Karriere ein zweites Standbein aufzubauen. Vorträge über Motivation, Erfolg und Niederlage habe ich eigentlich schon immer gehalten. Jetzt hab ich das eben noch ein bisschen verfeinert und auf das Unternehmen abgestimmt.

Ist es für Sie mit Ihrem olympischen Silber leichter geworden, an Sponsoren zu kommen?
Lurz: In der Region um Würzburg kennt man mich schon, logisch. Aber ich merke natürlich, dass London mir viel geholfen hat und ich schon etwas populärer geworden bin als vorher. Aber Freiwasserschwimmen ist immer noch kein Fußball, das ist klar.

Machen Sie die Millionenbeträge, mit denen im Fußball jongliert wird, neidisch?
Lurz: Man muss schon beachten, dass im Fußball die Stadien jedes Wochenende ausverkauft sind. So ist das halt, ich schaue selber auch Fußball. Neidisch bin ich auf keinen Fall. Jeder kann ja versuchen, in die erste Liga zu kommen. Und ich denke, keiner von uns würde sagen: Entschuldigung, das Gehalt ist mir zu hoch, ich nehm's nicht. Es ist nicht einfach, im Fußball erfolgreich zu sein. Ich finde, man muss jede Sportart, jede Disziplin separat betrachten.

In Ihrer Disziplin wurden Sie in London nur von Oussama Mellouli besiegt - einem Mann mit Dopingvergangenheit als Beckenschwimmer. Kam bei Ihnen deshalb irgendwann ein Gefühl des Ärgers, der Ohnmacht auf?
Lurz: Gar nicht. Jeder von uns hatte bestimmt Dopingkontrollen - vor London, in London und wie auch immer.

Freiwasserschwimmen ist eine klassische Ausdauersportart, erstaunlicherweise ist bislang trotzdem kein Dopingfall bekannt. Ist Ihre Sportart der Inbegriff der Reinheit?
Lurz: Bis jetzt schon (lacht). Jedenfalls ist mir, seit ich Freiwasser schwimme, noch nie irgendwas zu Ohren gekommen. Ich bin mir eigentlich auch sicher, dass da bislang nichts war - denn das würde man ja mitbekommen.

Allerdings wird die Fina auch immer wieder für ihre laxe Art der Dopingbekämpfung, vor allem was Bluttests angeht, kritisiert. Finden Sie die Kontrollen im Freiwasserbereich ausreichend?
Lurz: Ich werde im Jahr sicher 25-mal kontrolliert. Ich würde auf keinen Fall unterschreiben, dass die Tests im Schwimmsport lasch durchgeführt werden. Wir werden häufig kontrolliert. Das ist okay so.

Auch was Blutkontrollen angeht?
Lurz: Vor zwei Wochen hatte ich erst wieder eine Blutabnahme mit Urintest. Also: Es wird häufig getestet.

Das Interview führte Andreas Morbach

Quelle: www.spiegel.de